Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)

115 Sprüche Romantik

In jede hohe Freude mischt sich eine Empfindung der Dankbarkeit.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Wir sind für nichts so dankbar wie für Dankbarkeit.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Es ist noch jeder leicht durch diese Welt geschritten, Der gut zu danken wusst', und wusste gut zu bitten.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Das Gefühl schuldiger Dankbarkeit ist eine Last, die nur starke Seelen zu ertragen vermögen.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Die nicht zu danken verstehen, die sind die Ärmsten.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Ein Wiener Stammbuch. Dem Direktor der Bibliothek und des Historischen Museums der Stadt Wien Dr. Carl Glossy zum 50. Geburtstage), 1898

Dem, der uns Gutes tut, sind wir nie so dankbar, wie dem, der uns Böses tun könnte, es aber unterlässt.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Einen Gedanken verfolgen – wie bezeichnend dies Wort! Wir eilen ihm nach, erhaschen ihn, er entwindet sich uns, und die Jagd beginnt von neuem. Der Sieg bleibt zuletzt dem Stärkeren. Ist es der Gedanke, dann läßt er uns nicht ruhen, immer wieder taucht er auf – neckend, quälend, unserer Ohnmacht, ihn zu fassen, spottend. Gelingt es aber der Kraft unseres Geistes, ihn zu bewältigen, dann folgt dem heißen Ringkampf ein beseligendes, unwiderstehliches Bündnis auf Leben und Tod, und die Kinder, die ihm entspringen, erobern die Welt.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Ein Gedanke kann nicht erwachen ohne andere zu wecken.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Ein Mann, der sich im Gespräche mit seiner Frau widerlegt fühlt, fängt sogleich an, sie zu überschreien. Er will und kann, ja er soll beweisen, daß ihm immer, auch wenn er falsch singt, die erste Stimme gebührt.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Gedanken, die schockweise kommen, sind Gesindel. Gute Gedanken erscheinen in kleiner Gesellschaft. Ein göttlicher Gedanke kommt allein.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Hab' einen guten Gedanken, man borgt dir zwanzig.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Wenn ich nicht schlafen kann, rufe ich meine Gedanken und sage: Kommt, unterhaltet mich, meine Gedanken!

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

Wir müssen immer lernen, zuletzt auch noch sterben lernen.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Der Himmel ist geöffnet über mir, Und eine Stimme, solchen Wohllauts voll, Wie niemals ihn ein Erdenkind vernahm, Der ewgen Liebe und der Allmacht Stimme Vereint zu einem wundersamen Klang, Ruft laut aus lichten Höhen: »Komm – o komm!« Ich aber steh auf einem uferlosen, In Eisesfrost erstarrten Ozean; Da grünt kein Baum, da wellen keine Hügel, Da ragt kein Bergesgipfel wolkennah; Die Sehnsucht flammt, doch hebt sie nicht empor, Und Flügel – Flügel – hat mir Gott versagt.

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden was wir erleben, macht unser Schicksal aus.

Ebner-Eschenbach, Ein Spätgeborner, 1875. Vorangestelltes Motto

Wir werden vom Schicksal hart oder weich geklopft; es kommt auf das Material an.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Kein Mensch weiß, was in ihm schlummert und zutage kommt, wenn sein Schicksal anfängt, ihm über den Kopf zu wachsen.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Es geschieht zu jeder Zeit etwas Unerwartetes; unter anderem ist auch deshalb das Leben so interessant.

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

Eltern verzeihen ihren Kindern die Fehler am schwersten, die sie selbst ihnen anerzogen haben.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Wer sich an seine eigene Kindheit nicht sehr deutlich erinnert, ist ein schlechter Erzieher.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Daß soviel Ungezogenheit gut durch die Welt kommt, daran ist die Wohlerzogenheit schuld.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893