Paul Heyse (1830–1914)

56 Sprüche Romantik

Im Lauf der Welt ist das Gemeine des Erhabnen Schatten.

Heyse, Das Feenkind, 1868

Neues Leben Still und hell ist mein Gemüt, Wie im Herbst ein Sonnentag, Und doch fühl' ich, daß im Innern Wie durch Lenzes Zauberschlag Eine junge Schöpfung blüht. Hast du noch nicht ausgeglüht, Meiner Jugend Sonnenschein, Und wenn jetzt der Winter käme, Würd' er mir in Blüten schnein, Wie im ewigjungen Süd? Ach, und meiner Flügel Schwung War so traurig schon gelähmt! Denn ich habe sterben sehen; Und nun fühl' ich fast beschämt Mir zum Leben Mut genung. Wäre nicht Erinnerung, Schiene Traum, was Leben war! Aber wen die Götter lieben, Stirbt er auch in grauem Haar, Dennoch stirbt er ewigjung.

Heyse, P., Gedichte

Wäre nicht Erinnerung, Schiene Traum, was Leben war! Aber wen die Götter lieben, Stirbt er auch in grauem Haar, Dennoch stirbt er ewigjung.

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Schule des Lebens Was lehret das Leben? Gieb Mir bündigen Bescheid. – Hingeben, was dir lieb, Hinnehmen, was dir leid.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885

Unvermeidlich Lebe nur! Dem Widerspruch Wird Lebend'ges nicht entgehen. Todtgebornes trifft der Fluch, Niemand je im Weg zu stehen.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885

Frage Die ihr über dem Haupt mir schwebt, Dunkle Mächte des Lebens, Holder Gaben die Fülle gebt, Ach, nur daß ihr den Schleier hebt, Der den sterblichen Blick umwebt, Hofft die Seele vergebens? Allmacht, ewige Meisterin, Ist denn Frevel die Frage, Ob ich einst das Woher? Wohin? Zu enträtseln berufen bin, Ob dem ahnungumwobnen Sinn Himmlische Klarheit tage? Oder ruf' ich umsonst dich an? Mußt du herrschen und schweigen? Darfst du, wie dem gefangnen Mann, Was ich nimmer erreichen kann, Durch des ehernen Gitters Bann Nur von ferne mir zeigen?

Heyse, P., Gedichte. Sommer und Herbst

Wer leben will und sich wohl befinden, Kümmere sich nicht um des Nachbars Sünden.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885

Sonst hab' ich mir selbst Impulse gegeben; Jetzt leb' ich nicht mehr, ich lasse mich leben.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885

Ich hinge wahrlich nicht so sehr An diesem leidigen Leben, Wenn irgend sonst noch ein Mittel wär', Um Allerlei zu erleben.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885

Es gehört nicht nur guter Wille zur Freundschaft, auch Talent, Seelenkunde und Erlebnisse ähnlicher Art.

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In der Freundschaft kann man so wenig wählen, wie in der Liebe.

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Mancher große Mann hätte nie an sich geglaubt, wenn ihn nicht gute Freunde entdeckt hätten.

Heyse, Kinder der Welt. Roman in sechs Büchern, 1873

"Freund in der Not" will nicht viel heißen. Hilfreich möchte sich mancher erweisen. Aber die neidlos dein Glück dir gönnen, sie darfst du wahrlich Freunde nennen.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885

Weiter, als Adam es gebracht, Bringt's auch der Weiseste nicht im Leben: Er hat sich alle Dinge betracht't Und ihnen Namen gegeben.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885

Die Weltweisheit hat eben so viele Menschen zu einem persönlichen Gott, wie von ihm ab geführt.

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Die Weisheit wärmt zu jeder Frist, Deren Unterfutter die Torheit ist.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885

Nur eins beglückt zu jeder Frist: Schaffen, wofür man geschaffen ist.

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Ein Bruder und eine Schwester, nichts Treueres kennt die Welt. Kein Goldkettchen hält fester, als eins am andern hält.

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Dem Dank entfliehen, verrät ein Herz, dem Danken Mühe macht.

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Ein scheues Wild die Gedanken sind. Jag ihnen nach, sie fliehen geschwind. Siehst du sie hellen Auges an, zutraulich wagen sie sich heran. Ein stiller Wanderer kann sie zähmen, das Futter ihm aus der Hand zu nehmen.

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Man liebt zu bemänteln allerorten Schwache Gedanken mit starken Worten.

Heyse, Spruchbüchlein, 1885