Emanuel Geibel (1815–1884)

95 Sprüche Romantik

Höchstes Glück ist kurzes Blitzen, Fühl's und sprich: Auf Wiederkehr! Ließ' es dauernd sich besitzen, Wär' es höchstes Glück nicht mehr.

Geibel, E., Gedichte. Neue Gedichte. Sprüche, 37.

[...] und schöner Selbst als der vollste Besitz ist die Erwartung des Glücks.

Geibel, E., Gedichte. Elegien

Oft, wie der Goldfrucht Ball, frühzeitig gebrochen, im Schiff erst Ausreift, wird dir das Glück erst als Erinnerung süß.

Geibel, E., Gedichte. Ethisches und Ästhetisches in Distichen. LX.

Ihr wißt's, wie wir so selig waren, So selig und so rein dabei, Rein, wie man's ist mit achtzehn Jahren – Es war im schönen Monat Mai.

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter. Vermischte Gedichte. Erstes Buch. Aus: Vorüber!

Sollt' ein schönes Glück mich kränken, Weil es allzu rasch entfloh? Kurz Begegnen, lang Gedenken Macht die Seele reich und froh.

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter. Sprüche, 1.

O wo ist, wo ist das Glück zu Hause, Daß ich's endlich finden mag und greifen Und mit starker Fessel an mich binden! O wo ist, wo ist das Glück zu Hause? »Wo des Mondes Sichel schwimmt im Wasser, Wo das Echo schläft am hohlen Felsen, Wo der Fuß des bunten Regenbogens Auf dem Rasen steht, da geh es suchen!«

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter. Lieder aus alter und neuer Zeit, 17.

Abereinesel'ge Stunde Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Drittes Buch. Athen. Aus: Leichter Sinn

Es ist das Glück ein flüchtig Ding Und war's zu allen Tagen; Und jagtest du um der Erde Ring, Du möchtest es nicht erjagen. Leg' dich lieber ins Gras voll Duft Und singe deine Lieder; Plötzlich vielleicht aus blauer Luft Fällt es auf dich hernieder. Aber dann pack' es und halt es fest Und plaudre nicht viel dazwischen; Wenn du zu lang es warten läßt, Möcht' es dir wieder entwischen.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lieder als Intermezzo, 34.

Mit Koffern, Schachteln, Reisesäcken Dein Glück zu suchen ziehst du aus? Freund, nimm den leichten Wanderstecken, Du bringst es wahrlich eh'r nach Haus.

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter, Stuttgart 1865

Wer einmal Liebe nahm Und Liebe gab auf Erden, Kann selbst im tiefsten Gram Nie ganz unselig werden.

Rittershaus (Hg.), Spruchperlen heitrer Lebenskunst, 1893

Denn nur von innen kommt der Segen, Und nur die Liebe bringet Rast.

Geibel, E., Gedichte. Aus: Lied

Furchtlos und treu ist der Wahlspruch der Liebe.

Geibel, Meister Andrea. Lustspiel in zwei Aufzügen, 1855. Zweiter Aufzug. 9. Auftritt, Malgherita

Liebe, die von Herzen liebt, Ist am reichsten, wenn sie gibt; Liebe, die von Opfern spricht, Ist schon rechte Liebe nicht.

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter. Sprüche, 42.

Liebe bleibt die goldne Leiter, Drauf das Herz zum Himmel steigt.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lieder als Intermezzo, 1.

Mag auch heiß das Scheiden brennen, Treuer Mut hat Trost und Licht; Mag auch Hand von Hand sich trennen, Liebe läßt von Liebe nicht.

Geibel, E., Gedichte. Juniuslieder. Zu Volksweisen

Und darum ist so süß der Traum, Den erste Liebe webt, Weil schneller wie die Blüt' am Baum Er hinwelkt und verschwebt.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lübeck und Bonn. Aus: Vorüber!

Wie mir Blut und Athem stockte, Süßer Schreck mein Herz befing, Als die schöne Blondgelockte Heut an mir vorüberging! Kaum vermocht' ich sie zu grüßen; Wie verzaubert blieb ich stehn, Lang noch den beschwingten Füßen Im Enteilen nachzusehn. War's das Haar, das fein und golden Leicht sich kraust' um Stirn und Schlaf? War's ein Strahl aus diesen holden Blauen Augen, der mich traf? War's ihr Gang, der reizend schwebte? Dieser Mund, der schweigend sprach? Meine ganze Seele bebte, Und noch immer bebt sie nach. Also bebt wohl bis zum Grunde Der Jasminbusch wonnevoll, Wenn er spürt. es kam die Stunde, Da er wieder blühen soll.

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter, Stuttgart 1865

Rühret nicht daran Wo still ein Herz voll Liebe glüht, O rühret, rühret nicht daran! Den Gottesfunken löscht nicht aus! Fürwahr, es ist nicht wohlgetan. Wenn's irgend auf dem Erdenrund Ein unentweihtes Plätzchen gibt, So ist's ein junges Menschenherz, Das fromm zum ersten Male liebt. O gönnet ihm den Frühlingstraum, In dem's voll ros'ger Blüten steht! Ihr wißt nicht, welch ein Paradies Mit diesem Traum verloren geht. Es brach schon manch ein starkes Herz, Da man sein Lieben ihm entriß, Und manches duldend wandte sich, Und ward voll Haß und Finsternis; Und manches, das sich blutend schloß, Schrie laut nach Lust in seiner Not, Und warf sich in den Staub der Welt; Der schöne Gott in ihm war tot. Dann weint ihr wohl und klagt euch an; Doch keine Träne heißer Reu' Macht eine welke Rose blühn, Erweckt ein totes Herz aufs neu'.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Viertes Buch. Escheberg. Sankt Goar

Was uns fehlt! Und keine Zunge redet mehr vom Heil'gen Geiste trunken; Die Poesie, das fromme Kind, ist scheu von uns gewichen, Der Himmel dünkt uns trüb und grau, und Sonn' und Mond verblichen; Die groß geschaut und groß gebaut, sie schlummern in den Särgen, Auf ihren Gräbern kriechen wir als ein Geschlecht von Zwergen, Nichts blieb uns als die schlimmste Kunst, zu zweifeln und zu richten, Und wenn sich ein Gigant erhebt, so ist er's im Vernichten. Wohl grübelt ihr und möchtet gern das große Rätsel lösen, Aus welchem tiefverborgnen Quell der Strom sich wälzt des Bösen, Ihr eilt geschäftig hin und her, um Wust auf Wust zu türmen, Und meint mit eures Witzes Rat den Himmel zu erstürmen, Doch seht, nur eines Donners Schlag, nur eines Blitzes Flammen, Und eurer Weisheit Pelion und Ossa stürzt zusammen. Ich aber sage euch: Fürwahr, es wird nicht anders werden, Bis ihr den Blick nicht himmelwärts erhebt vom Staub der Erden, Bis ihr dem Geist der Liebe nicht, dem großen Überwinder, Demütig euer Herz erschließt und werdet wie die Kinder; Denn wo die Liebe wohnt, da hat ein ew'ger Lenz begonnen, Da grünen alle Wälder auf, und rauschen alle Bronnen, Ihr offenbart sich, was dem Blick der klugen Welt verborgen, In trüber Dämmrung sieht sie schon den rosenroten Morgen, Das Brausen wird ihr zur Musik, zum Reigen das Gewimmel, Helljauchzend steigt ihr Lied empor auf Flügeln in den Himmel, Sie ist ein Kind und doch ein Held mit unbesiegten Waffen, Und weil sie noch an Wunder glaubt, so kann sie Wunder schaffen.

Geibel, E., Gedichte. Zeitstimmen

Eros, der Schenk Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken, Er füllt den Becher mir aus Zauberkrügen Und weiß das Herz in seliges Genügen, Den Sinn in süßen Taumel zu versenken. Auch lehrt er mich, zu holdem Angedenken Den Wein zu schlürfen in bedächt'gen Zügen, Zu zartem Gruße Reim in Reim zu fügen Und sanft der Musen weißes Roß zu lenken. Und wenn des Abends Schatten sich verbreiten Und müd' ich ruhe von des Tags Genusse, Erregt er sacht der Zither goldne Saiten. Da muß im Schlaf gleich Wimpeln auf dem Flusse Manch holdes Traumbild mir vorübergleiten, Bis mich der Morgen weckt mit ros'gem Kusse.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Zweites Buch. Sonette und Distichen aus Griechenland als Intermezzo

Wenn's irgend auf dem Erdenrund Ein unentweihtes Plätzchen gibt, So ist's ein junges Menschenherz, Das fromm zum ersten Male liebt.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Viertes Buch. Escheberg. Sankt Goar. Aus: Rühret nicht daran