Emanuel Geibel (1815–1884)

95 Sprüche Romantik

Liebesglück O wie so leicht in seligen Genüssen Sich mir die Stunden jetzt dahinbewegen! Ins Auge schau' ich dir, bist du zugegen, Und von dir träum' ich, wenn wir scheiden müssen. Oft zügeln wir die Sehnsucht mit Entschlüssen, Doch will sich stets ein neu Verlangen regen, Und wenn wir kaum verständ'ger Rede pflegen, Zerschmilzt sie wieder uns und wird zu Küssen. Der erste weckt Begier nach tausend neuen, Es folgt auf Liebeszeichen Liebeszeichen, Und jedes scheint uns höher zu erfreuen. Nun erst begreif' ich ganz den Lenz, den reichen, Wenn er nicht endet, Rosen auszustreuen, Die alle schön sind und sich alle gleichen.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Zweites Buch. Sonette und Distichen aus Griechenland als Intermezzo

Hütet euch! Wo am Herd ein Brautpaar siedelt, Seid auf eurer Hut, ihr Knaben, Wahrt, ihr Mädchen, euer Herz! Denn am Morgen, denn am Mittag Wie ein Duft von wilden Rosen Schwebt die Glut verstohlner Küsse Dort bezaubernd in den Lüften. Ach, und wenn der Abend dunkelt, Unverhüllt durch die Gemächer Wandelt mit geschwungner Fackel Eros dann, und unablässig Sprühn der Sehnsucht irre Funken Weiterzündend um ihn her. Wo am Herd ein Brautpaar siedelt, Seid auf eurer Hut, ihr Knaben, Wahrt, ihr Mädchen, euer Herz!

Geibel, E., Gedichte. Vermischte Gedichte, entst. ab 1860

Die Liebe saß als Nachtigall Im Rosenbusch und sang, Es flog der wundersüße Schall Den grünen Wald entlang. Und wie er klang, da stieg im Kreis Aus tausend Kelchen Duft, Und alle Wipfel rauschten leis, Und leise ging die Luft. Die Bäche schwiegen, die noch kaum Geplätschert von den Höhn, Die Rehlein standen wie im Traum Und lauschten dem Getön. Und hell und immer heller floß Der Sonne Glanz herein, Um Blumen, Wald und Schlucht ergoß Sich goldig roter Schein. Ich aber zog den Weg entlang Und hörte auch den Schall – Ach, was seit jener Stund' ich sang, War nur sein Widerhall.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lieder als Intermezzo, 17.

Es gibt wohl manches, was entzücket, Es gibt wohl vieles, was gefällt; Der Mai, der sich mit Blumen schmücket, Die güldne Sonn' im blauen Zelt. Doch weiß ich eins, das schafft mehr Wonne Als jeder Glanz der Morgensonne, Als Rosenblüt' und Lilienreis: Das ist, getreu im tiefsten Sinne Zu tragen eine fromme Minne, Davon nur Gott im Himmel weiß.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Viertes Buch. Escheberg. Sankt Goar. Aus: Minnelied

Das ist der Liebe eigen, Mit Worten muß sie schweigen; Sie spricht mit süßen Zeichen Von Dingen ohnegleichen. Es sagt die Hand am Herzen: Hier innen trag' ich Schmerzen, Und möchte doch dies Leiden Um alle Welt nicht meiden. Im Auge spricht die Träne: Wie ich nach dir mich sehne! Mein Wollen, Denken, Sinnen, Es will in deins verrinnen. Es spricht der Lippe Zücken: O laß dich an mich drücken, Auf daß im Feuerhauche Sich Seel' in Seele tauche! So webt in stummen Zeichen Sich Botschaft sondergleichen; Von Herz zu Herzen geht sie, Doch nur wer liebt, versteht sie.

Geibel, E., Gedichte. Neue Gedichte. Lieder aus alter und neuer Zeit, 12.

Komm herein, o Nacht, und kühle Diese Gluten, diesen Schmerz! Aus dem Wirrsal der Gefühle Wie errett' ich nur mein Herz! Wo wir einst so glücklich waren, Hab' ich wieder sie gesehn, Und aufs neue, wie vor Jahren, Ist's um meine Ruh' geschehn. Lodernd aus der Asche steigen Flammen, die jetzt Frevel sind; Denn sie ist nicht mehr ihr eigen, Ach, und ist so hold und – blind. Weil an ihrer Reinheit Blüte Nie ein trüber Hauch gerührt, Ahnt sie nicht in ihrer Güte, Welchen Brand sie lächelnd schürt. Harmlos zeigt sie, kindlich offen, Sich beglückt, wenn ich erschien – Aber ich, ins Herz getroffen, Ach, was kann ich tun als fliehn!

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter. Zwölf Jugendlieder, 10.

Durch Erd' und Himmel leise Hinflutet eine Weise Wie sanftes Harfenwehn, Die jedem Dinge kündet, Wozu es ward gegründet, Woran es soll vergehn. Sie spricht zum Adler: »Dringe Zur Sonne, bis die Schwinge Dir trifft ein Wetterschlag!« Spricht zu den Wolken: »Regnet, Und wenn die Flur gesegnet, Zerrinnt am goldnen Tag!« Sie spricht zum Schwan: »Durchwalle Die Flut und dann mit Schalle Ein selig Grab erwirb!« Sie spricht zur Feuernelke: »In Duft glüh' auf und welke!« Zum Weibe: »Lieb' und stirb!«

Geibel, E., Gedichte. Neue Gedichte. Lieder aus alter und neuer Zeit, 29.

Und wenn dein Geist die Welt umschriebe Und würde nicht der Selbstsucht los, Was wär's? Mehr wiegt ein Tropfen Liebe Als alle Weisheit Salomos.

Geibel, E., Gedichte. Aus dem Nachlass

Die Liebe gleicht dem April: Bald Frost, bald fröhliche Strahlen, Bald Blüten in Herzen und Talen, Bald stürmisch und bald still, Bald heimliches Ringen und Dehnen, Bald Wolken, Regen und Tränen – Im ewigen Schwanken und Sehnen Wer weiß, was werden will!

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lieder als Intermezzo, 8.

Wie er gestürmt und geliebt, erzählt am Herde der Ahnherr; Aber dem Enkelgeschlecht deucht es ein Märchen zu sein.

Geibel, E., Gedichte. Distichen vom Strande der See

In meinem Garten die Nelken Mit ihrem Purpurstern Müssen nun alle verwelken, Denn du bist fern. Auf meinem Herde die Flammen, Die ich bewacht so gern, Sanken in Asche zusammen, Denn du bist fern. Die Welt ist mir verdorben, Mich grüßt nicht Blume, nicht Stern; Mein Herz ist lange gestorben, Denn du bist fern.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Zweites Buch. Berlin. Mädchenlieder, 1.

Wenn sich zwei Herzen scheiden Wenn sich zwei Herzen scheiden, Die sich dereinst geliebt, Das ist ein großes Leiden, Wie's größres nimmer gibt. Es klingt das Wort so traurig gar: Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar! Wenn sich zwei Herzen scheiden, Die sich dereinst geliebt. Als ich zuerst empfunden, Daß Liebe brechen mag, Mir war's, als sei verschwunden Die Sonn' am hellen Tag. Mir klang's im Ohre wunderbar: Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar, Da ich zuerst empfunden, Daß Liebe brechen mag. Mein Frühling ging zur Rüste, Ich weiß es wohl warum; Die Lippe, die mich küßte, Ist worden kühl und stumm. Das eine Wort nur sprach sie klar: Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar! Mein Frühling ging zur Rüste, Ich weiß es wohl warum.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Viertes Buch. Escheberg. Sankt Goar

Die Nacht ist klar, die Nacht ist kühl, Am Himmel schießen die Sterne – Du hast mich einst so lieb gehabt Und mich geküßt so gerne. Du hast mich einst so lieb gehabt, Wo blieb dein heiß Gefühl? – Am Himmel schießen die Sterne, Die Nacht ist klar und kühl.

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter. Lieder aus alter und neuer Zeit, 15.

Die beiden Engel O kennst du, Herz, die beiden Schwesterengel, Herabgestiegen aus dem Himmelreich: Stillsegnend Freundschaft mit dem Lilienstengel, Entzündend Liebe mit dem Rosenzweig? Schwarzlockig ist die Liebe, feurig glühend, Schön wie der Lenz, der hastig sprossen will; Die Freundschaft blond, in sanftern Farben blühend, Und wie die Sommernacht so mild und still; Die Lieb' ein brausend Meer, wo im Gewimmel Vieltausendfältig Wog' an Woge schlägt; Freundschaft ein tiefer Bergsee, der den Himmel Klar widerspiegelnd in den Fluten trägt. Die Liebe bricht herein wie Wetterblitzen, Die Freundschaft kommt wie dämmernd Mondenlicht; Die Liebe will erwerben und besitzen, Die Freundschaft opfert, doch sie fordert nicht. Doch dreimal selig, dreimal hoch zu preisen Das Herz, wo beide freundlich eingekehrt, Und wo die Glut der Rose nicht dem leisen Geheimnisvollen Blühn der Lilie wehrt!

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lübeck und Bonn

Mein Herz ist wie die dunkle Nacht, Wenn alle Wipfel rauschen; Da steigt der Mond in voller Pracht Aus Wolken sacht – Und sieh, der Wald verstummt in tiefem Lauschen. Der Mond, der helle Mond bist du: Aus deiner Liebesfülle Wirf einen, einen Blick mir zu Voll Himmelsruh – Und sieh, dies ungestüme Herz wird stille.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lieder als Intermezzo, 13.

Vöglein, wohin so schnell? »Nach Norden, nach Norden! Dort scheint die Sonne nun so hell, Dort ist's nun Frühling worden.« O Vöglein mit den Flügeln bunt, Und wenn du kommst zum Lindengrund, Zum Hause meiner Lieben, Dann sag' ihr, daß ich Tag und Nacht Von ihr geträumt, an sie gedacht, Und daß ich treu geblieben. Und die Blumen im Tal Grüß' tausend, tausendmal!

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lieder als Intermezzo, 16.

Das ist die köstlichste der Gaben, Die Gott dem Menschenherzen gibt, Die eitle Selbstsucht zu begraben, Indem die Seele glüht und liebt. O süß Empfangen, sel'ges Geben! O schönes Ineinanderweben! Hier heißt Gewinn, was sonst Verlust. Je mehr du schenkst, je froher scheinst du, Je mehr du nimmst, je sel'ger weinst du - O gib das Herz aus deiner Brust!

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Viertes Buch. Escheberg. Sankt Goar. Aus: Minnelied

Heute wär' ich fast erschrocken Dir zu Füßen hingestürzt, Als du plötzlich deiner Locken Wilden Reichtum losgeschürzt. Glänzend um die schlanken Glieder Wallt' ihr fesselloser Schwall Auf des Teppichs Purpur nieder Wie ein schwarzer Wasserfall. Ach, und als du nun die braunen Rätselaugen aufwärts schlugst Und in reizendem Erstaunen, Was mich so verwirre, frugst, Als du dann zum Spiegel hüpftest Und die Schnur von Perlen dir Tändelnd um die Stirne knüpftest – O wie schön erschienst du mir! Lauschend, keines Wortes mächtig Stand ich, atemlos gebannt, Wie verzaubert in ein prächtig Märchen aus dem Morgenland.

Geibel, E., Gedichte. Gedichte und Gedenkblätter. Erinnerungen aus Griechenland, 17.

Kurz Lachen, langes Weinen, Das ist der Liebe Brauch.

Geibel, E., Gedichte. Neue Gedichte. Vermischte Gedichte. Erstes Buch. Lübeck und Carolath. Lieder zu Volksweisen. Aus: Lieb' und Leid

O stille dies Verlangen! O stille dies Verlangen, Stille die süße Pein! Zu seligem Umfangen Laß den Geliebten ein! Schon liegt die Welt im Traume, Blühet die duft'ge Nacht; Der Mond im blauen Raume Hält für die Liebe Wacht. Wo zwei sich treu umfangen, Da gibt er den holdesten Schein. O stille dies Verlangen, Laß den Geliebten ein! Du bist das süße Feuer, Das mir am Herzen zehrt; Lüfte, lüfte den Schleier, Der nun so lang mir wehrt! Laß mich vom rosigen Munde Küssen die Seele dir, Aus meines Busens Grunde Nimm meine Seele dafür – O stille dies Verlangen, Stille die süße Pein, Zu seligem Umfangen Laß den Geliebten ein! Die goldnen Sterne grüßen So klar vom Himmelszelt, Es geht ein Wehn und Küssen Heimlich durch alle Welt, Die Blumen selber neigen Sehnsüchtig einander sich zu, Die Nachtigall singt in den Zweigen – Träume, liebe auch du! O stille dies Verlangen, Laß den Geliebten ein! Von Lieb' und Traum umfangen Wollen wir selig sein.

Geibel, E., Gedichte. Jugendgedichte. Erstes Buch. Lübeck und Bonn

Lied des Mädchens Laß schlafen mich und träumen, Was hab' ich zu versäumen In dieser Einsamkeit! Der Reif bedeckt den Garten, Mein Dasein ist ein Warten Auf Liebe nur und Lenzeszeit. Es kommt im Frühlingsglanze Für jede kleine Pflanze Einmal der Blütentag. So wird der Tag auch kommen, Da diesem Frost entnommen Mein Herz in Wonnen blühen mag. Doch bis mir das gegeben, Deucht mir nur halb mein Leben Und kalt wie Winters Wehn; Trüb schauert's in den Bäumen - O laß mich schlafen, träumen, Bis Liebe mich heißt auferstehn!

Geibel, E., Gedichte. Juniuslieder. Lieder