Wie manchen Blick du frei und freier Ins Walten der Natur getan, Aufs neue hinter jedem Schleier Sieht doch die alte Sphinx dich an. Du kannst ihr nimmer Antwort geben, Wenn sie die letzte Frag' entbot; Ein ewig Rätsel ist das Leben, Und ein Geheimnis bleibt der Tod.
Keinem wird des Lebens Bittrer Zoll geschenkt.
Das Leben wird der Tod verschlingen Und ein Gesetz der Liebe sein.
Das Leben, weiß ich, Behauptet ewig vor dem Tod sein Recht [...].
Leichter Sinn Und wie wär' es nicht zu tragen Dieses Leben in der Welt? Täglich wechseln Lust und Plagen, Was betrübt und was gefällt. Schlägt die Zeit dir manche Wunde, Manche Freude bringt ihr Lauf; Abereinesel'ge Stunde Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf. Wisse nur das Glück zu fassen, Wenn es lächelnd dir sich beut! In der Brust und auf den Gassen Such' es morgen, such' es heut. Doch bedrängt in deinem Kreise Dich ein flüchtig Missgeschick, Lächle leise, hoffe weise Auf den nächsten Augenblick. Nur kein müßig Schmerzbehagen! Nur kein weichlich Selbstverzeihn! Kommen Grillen, dich zu plagen, Wiege sie mit Liedern ein. Froh und ernst, doch immer heiter Leite dich die Poesie, Und die Welle trägt dich weiter, Und du weißt es selbst nicht wie.
Lebensstimmung O wer so recht die süße Kunst begriffe, Allein der schönen Gegenwart zu leben, Bei sanftem Windeshauch auf hohem Schiffe Ein südlich Meer mit Wonne zu durchschweben, Im Traubengarten überm Felsenriffe Beglückter Tage hold Gespinst zu weben, Als hätte nie das Herz in andern Stunden Des Lebens Schmerz und Bitterkeit empfunden! Wer das vermöchte! Wer bei jedem Gruße, Bei jedem Blick der Liebe könnte säumen! Wer es verstünde, stets in sel'ger Muße Sein Lied zu singen unter Blütenbäumen! Ihm würde gern mit leichtem Götterfuße Die Muse nahn in goldnen Dichterträumen, Und eh' er noch um solchen Preis gerungen, Wär' ihm die Stirn vom Lorbeer schon umschlungen. Ich hab' es oft versucht, und oft erglänzte Die Stunde mir, doch war's ein eitles Prangen; Denn wenn ich kaum das Haupt mit Blumen kränzte, Erwachten alte Schuld und altes Bangen; Am Becher, den der Freundschaft Hand kredenzte, Schien eine heiße Träne mir zu hangen, Und wenn ich froh die Saiten angeschlagen, Verhallten sie in sehnsuchtsvollen Klagen. Mir ist die Lust ein Schifflein, das zersplittert, Sobald's aus stiller Bucht hinausgeschwunden, Ein tönern Bild, das über Nacht verwittert, Wie schön es auch mit Rosen war umwunden, Ein Flötenhall, der in der Luft verzittert, Wenn er getönt zwei selige Sekunden, Im Lebenskelch der flücht'ge Kranz des Schaumes, Ein Duft, ein Hauch, der Schatten eines Traumes. Drum richtet nicht zu strenge die Gedichte, Wenn sie euch oftmals nahn im schwarzen Kleide; Nicht alle sind genährt vom frohen Lichte, Nein, viele tränkt' ein Herz mit seinem Leide; Und das bedenkt, dem Menschenangesichte Ist auch die Trän' ein köstliches Geschmeide, Und manchen Schatz, den ihr in Freudenstunden Vergeblich suchtet, hat der Schmerz gefunden.
Die Liebe bricht herein wie Wetterblitzen, Die Freundschaft kommt wie dämmernd Mondenlicht; Die Liebe will erwerben und besitzen, Die Freundschaft opfert, doch sie fordert nicht.
Nur das mag wie mit festem Erz In Freundschaft zwei Genossen binden, Wenn Geist und Geist sich, Herz und Herz In einem höhern Dritten finden.
Über das irdische Leid, wenn die Sonne der göttlichen Freiheit Durchbricht, spannt der Humor farbig als Bogen sich aus.
Irre die Mutigen nicht. Oft glückt leichtblütiger Jugend, Was bei gediegnerer Kraft zweifelnd das Alter nicht wagt.
Aber fürchte die Schuld, und mehr noch fürchte den Hochmut, Der wie berauschender Wein rasch dir die Sinne verwirrt.
Die Zeit ist wie ein Bild von Mosaik; Zu nah beschaut, verwirrt es nur den Blick; Willst du des Ganzen Art und Sinn verstehn, So mußt du's, Freund, aus rechter Ferne sehn.
Doppelte Schwing' hat die Zeit. Mit der einen entführt sie die Freuden: Doch mit der anderen sanft kühlt sie den tränenden Blick.
Nur wer nichts mehr hofft, nichts – mag gelassen sein.
Lehr' nur die Jungen weisheitsvoll, Wirst ihnen keinen Irrtum sparen; Was ihnen gründlich helfen soll, Das müssen sie eben selbst erfahren.
Fließend Wasser ist der Gedanke, Aber durch die Kunst gebannt In der Form gediegne Schranke, Wird er blitzender Demant.
Religion und Theologie Sind grundverschiedene Dinge, Eine künstliche Leiter zum Himmel die, Jene die angeborne Schwinge.
Mag denn der Aar Vom Fluge lassen, eh' die Schwing' ihm brach?
Auferstehung Wenn einer starb, den du geliebt hienieden, So trag hinaus zur Einsamkeit dein Wehe, Daß ernst und still es sich mit dir ergehe Im Wald, am Meer, auf Steigen längst gemieden. Da fühlst du bald, daß jener, der geschieden, Lebendig dir im Herzen auferstehe; In Luft und Schatten spürst du seine Nähe, Und aus den Tränen blüht ein tiefer Frieden. Ja, schöner muß der Tote dich begleiten, Ums Haupt der Schmerzverklärung lichten Schein, Und treuer - denn du hast ihn alle Zeiten. Das Herz auch hat sein Ostern, wo der Stein Vom Grabe springt, dem wir den Staub nur weihten; Und was du ewig liebst, ist ewig dein.
Ich möchte sterben wie der Schwan, Der, langsam rudernd mit den Schwingen, Auf seiner blauen Wasserbahn Die Seele löst in leisem Singen. Und starb er, wenn der Abend schied Mit goldnem Kusse von den Gipfeln: Nachhallend säuselt noch das Lied Die ganze Nacht in Busch und Wipfeln. O würde mir ein solch Geschick! Dürft' unter Liedern ich erblassen! Könnt' ich ein Echo voll Musik Dem Volk der Deutschen hinterlassen! Doch Größern nur ward solch ein Klang, Nur Auserwählten unter vielen – Mir wird im Tode kein Gesang Verklärend um die Lippen spielen. Tonlos werd' ich hinübergehn, Man wird mich stumm zur Grube tragen, Und wenn die Feier ist geschehn, Wird niemand weiter nach mir fragen.
Wenn's etwas gibt, gewalt'ger als das Schicksal, So ist's der Mut, der's unerschüttert trägt.