Friedrich Rückert (1788–1866)

124 Sprüche Klassik

Müde von Flug und Braus, kehr' in dich still zurück, Ruh' in dir selber aus, so fühlst du höchstes Glück.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Laß jedes Glück verblühn, wenn dir nur eines bleibt, Die Hoffnung, die am Zweig stets neue Knospen treibt.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Beim Hauch des Morgens und der Mitternächte Schauer Fühlt' ich die Trauer, daß die Welt hat keine Dauer; Daß wir am Anfang schon dem End' entgegen gehn Und doch am Ende noch beim Anfang immer stehn. Bald haben wir's verwacht, bald haben wir's verträumt, Nie säumend Tag und Nacht, das Glück ist stets versäumt.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Das Glück gibt um zu nehmen Das Glück gibt um zu nehmen; Und wolltest du dich grämen, Wenn es gegebnes nimmt, Wie es war vorbestimmt? Mußt dich entweder schämen, Unsichres anzunehmen, Oder nicht sein ergrimmt, Wenn was zuschwamm entschwimmt.

Rückert, Gedichte. Kindertotenlieder, entstanden 1833-1834

Was Heil uns bringet, ist ein Unheil nicht zu nennen, Und jedes Unheil bringt uns Heil, wenn wir's erkennen.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Weil ich nichts anders kann als nur dich lieben, Will ich dich lieben denn soviel ich kann. Zu hassen dich hatt' ich mir vorgeschrieben, Mit Hasse sah das Herz die Vorschrift an. Dich zu vergessen hatt' ich mich getrieben; Vergessen war es, eh ich mich besann. Da so der Haß ward von sich selbst zerrieben, So das Vergessen in sich selbst zerrann; So laß mich denn, soviel ich kann, dich lieben, Weil ich nichts anders als dich lieben kann.

Rückert, Gedichte. Vorfrühling. I. Amaryllis

O Sonn', o Meer, o Rose! Wie wenn die Sonne triumphierend sich Hebt über Sterne, die am Himmel stunden, Ein Schimmer nach dem andern leis' erblich, Bis alle sind in einem Glanz geschwunden; So hab' ich, Liebste, dich gefunden: Du kamst, da war, was je mein Herz empfunden, Geschwunden in dich. O Sonn', o Meer, o Rose ! Wie wenn des Meeres Arme auftun sich Den Strömen, die nach ihnen sich gewunden, Hinein sich diese stürzen brünstiglich, Bis sie die Ruh im tiefen Schoß gefunden; So, Liebste, hab' ich dich empfunden: Sich hat mein Herz mit allen Sehnsuchtswunden Entbunden in dich. O Sonn', o Meer, o Rose! Wie wenn im Frühling tausendfältig sich Ein buntes Grün hat ringend losgewunden, Ein hadernd Volk, bis Rose königlich Eintretend, es zum Kranz um sich verbunden; So, Liebste, hab' ich dich umwunden: Der Kranz des Daseins muß sich blühend runden, Gebunden in dich.

Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834

Ich bin mit meiner Liebe Vor Gott gestanden, Ich stellte diese Triebe Zu seinen Handen. Ich bin von diesen Trieben Nun unbetreten: Ich kann dich, Liebster, lieben Zugleich und beten.

Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834

Ich liebe Dich, weil ich dich lieben muß; ich liebe dich, weil ich nicht anders kann ich liebe dich nach einem Himmelsschluß: ich liebe dich durch einen Zauberbann. Dich lieb' ich wie die Rose ihren Strauch; dich lieb' ich, wie die Sonne ihren Schein; dich lieb' ich, weil du bist mein Lebenshauch; dich lieb' ich, weil dich lieben ist mein Sein.

Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834

Daß du mich liebst, macht mich mir wert.

Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834

Welch Herz noch etwas liebt, das ist noch nicht verlassen.

Rückert, Gedichte. Wanderungen. Aus: Angereihte Perlen

Ist die Liebe so verstrickt, Oder ich so ungeschickt? Als ich es mit ihr begonnen, Und ihr Netz mich eingesponnen; Wenn sie manchen Kuß mir lieh, Ob sie liebte? wuß’t ich nie. Und nachdem das Netz zerrissen, Schein’ ich noch es nicht zu wissen, Wenn sie einen Blick mir gibt, Ob sie nicht noch jetzo liebt?

Rückert, Gedichte. Jugendlieder

Mein Liebchen hat das Herz sich abgeschlossen, Den Schlüssel drauf geworfen in die See. Dort hängt er tief, wo die Korallen sprossen, Vergebens taucht nach ihm hinab mein Weh.

Rückert, Gedichte. Sonette. Zugaben

Wer sagt: Ich bin Gott nah!, der ist ihm fern geblieben; Wer sagt: Ich bin Gott fern!, der ist ihm nah durch Lieben.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Die Liebe sprach: In der Geliebten Blicke Mußt du den Himmel suchen, nicht die Erde, Daß sich die bess're Kraft daran erquicke, Und dir das Sternbild nicht zum Irrlicht werde. Die Liebe sprach: In der Geliebten Auge Mußt du das Licht dir suchen, nicht das Feuer, Daß dir's zur Lamp' in dunkler Klause tauge, Nicht dir verzehre deines Lebens Scheuer. Die Liebe sprach: In der Geliebten Wonne Mußt du die Flügel suchen, nicht die Fesseln, Daß sie dich aufwärts tragen zu der Sonne, Nicht niederziehn zu Rosen und zu Nesseln.

Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834

Seufzend sprach ich zu der Liebe, Als ich sie entschleiert sah: Ach, daß so Dein Antlitz bliebe meinen Blicken ewig nah! Doch wie dich die Sehnsucht freier Schauet einen Augenblick, Senket wieder sich der Schleier Und verdüstert mein Geschick. Liebe sprach: in ewig reinem Lichte strahl' ich, o du Tor; Nicht vor meinem, sondern deinem Angesichte hängt der Flor.

Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834

Liebe ist die ältest-neu'ste Einz'ge Weltbegebenheit.

Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834

Du bist ein Schatten am Tage Du bist ein Schatten am Tage Und in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. Wo ich mein Zelt aufschlage, Da wohnst du bei mir dicht; Du bist mein Schatten am Tage Und in der Nacht mein Licht. Wo ich auch nach dir frage, Find' ich von dir Bericht, Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. Du bist ein Schatten am Tage, Doch in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht.

Rückert, Gedichte. Kindertotenlieder, entstanden 1833-1834

Es hat sich gegen Liebe die Vernunft ermannt, Und als Empörungsfahne Weisheit aufgesteckt. Die Liebe hat zum Angriff einen Hauch gesandt, Und die Vernunft hat zitternd das Gewehr gestreckt.

Rückert, Gedichte. Pantheon, Erstdruck 1843. Fünftes Bruchstück. Zahme Xenien. Vierzeilen

Du hattest kein Glück und ich hatte keins; wir nahmen einander, nun haben wir eins. Wo haben wir es denn hergenommen? Es ist vom Himmel auf uns gekommen.

Rückert, Gedichte. Pantheon, Erstdruck 1843. Fünftes Bruchstück. Zahme Xenien. Vierzeilen

Du meine Seele, du mein Herz, Du meine Wonn', o du mein Schmerz, Du meine Welt, in der ich lebe, Mein Himmel du, darein ich schwebe, O du mein Grab, in das hinab Ich ewig meinen Kummer gab! Du bist die Ruh, du bist der Frieden, Du bist der Himmel mir beschieden. Daß du mich liebst, macht mich mir wert, Dein Blick hat mich vor mir verklärt, Du hebst mich liebend über mich, Mein guter Geist, mein bessres Ich!

Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834