Friedrich Rückert (1788–1866)

124 Sprüche Klassik

Das Leben magst du wohl vergleichen einem Feste, Doch nicht zur Freude sind geladen alle Gäste. Gar manchen, scheint es, lud man nur, um die Beschwerde Zu übertragen, daß die Lust den andern werde. Den Esel lud man einst zu einem Hochzeitschmause, Weil es zu tragen Holz und Wasser gab im Hause. Der Esel dachte stolz, geladen bin ich auch. Ja wohl, beladen mit dem Tragreff und dem Schlauch.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Unglaublich, wie erträgt ein Herz, Was schon zu denken unerträglich! Hinhalten Hoffnungen den Schmerz, Ihn brechend, den sie steigern täglich. Man hofft und hofft, bis hoffnungslos Geworden das geliebte Leben, Dann gibt man auf die Hoffnung blos, Das Leben war schon aufgegeben.

Rückert, Gedichte. Kindertotenlieder, entstanden 1833-1834

Kann das Leben selbst nicht währen, Kann es doch sich neu gebären, Daß unendlich es erscheint.

Rückert, Gedichte. Pantheon, Erstdruck 1843. Viertes Bruchstück. Mikrokosmos

Wer nicht sein eigner Freund, dein Freund kann der nicht sein; Auch der nicht, wer nur ist sein eigner Freund allein.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Wenn Freund zu Freunde kommt, stirbt des Verleumders Macht.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Ein leicht erwärmter Freund wird leicht erkältet sein.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Der Mann ist töricht, Der die Menge der Freunde zählt. Ein Bündel Röhricht Hilft dir nicht, wo ein Stab dir fehlt.

Rückert, Gedichte. Erbauliches und Beschauliches aus dem Morgenlande, 2 Bde., 1836-39. Vierzeilen

Die Freunde bitte fein, zu sehr nicht dich zu ehren! Sonst werden Feinde dir dafür den Krieg erklären.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

O brich den Faden nicht der Freundschaft rasch entzwei! Wird er auch neu geknüpft, ein Knoten bleibt dabei.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Nicht viel sind tausend Freund', ein einz'ger Feind ist viel; Denn diesem ist es ernst, und jenen nur ein Spiel.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Schlingt Hand in Hand, und mit der andern hebet Den Becher hoch, und trinkt die Reihe nieder! Geheiligt ist das Band, das ihr gewebet, Und nie, wenn ihr euch trennt, zerreiß' es wieder. Empfindet euch, was jeder einzeln lebet, Als still im Herzverkehr gebliebne Glieder! Wo irgend ein Gefühl hat angeschlagen, Wird Mitgefühl es durch die Kette tragen.

Rückert, Gedichte. Lieder und Sprüche der Minnesänger. Erotische Blumenlese aus Dichtern verschiedener Völker und Zeiten

Das sind die Weisen, Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen, Die bei dem Irrtum verharren, Das sind die Narren.

Rückert, Gedichte. Pantheon, Erstdruck 1843. Fünftes Bruchstück. Zahme Xenien. Vierzeilen

Den Weisen kannst du an der Wahl der Zweck' entdecken, Den Klugen an der Wahl der Mittel zu den Zwecken.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Je höher du wirst aufwärts gehn, dein Blick wird immer allgemeiner; stets einen größeren Teil wirst du vom Ganzen sehn, doch alles Einzelne wird immer kleiner.

Rückert, Gedichte. Pantheon, Erstdruck 1843. Fünftes Bruchstück. Zahme Xenien. Vierzeilen

Der Erfolg ist offenbar, Die Absicht aber niemals klar. Drum wird man alle Menschengeschichten Ewig nach dem Erfolge richten.

Rückert, Gedichte. Pantheon, Erstdruck 1843. Fünftes Bruchstück. Zahme Xenien. Vierzeilen

Glück hilft nur manchmal, Arbeit immer.

Internet

Zur Arbeit ist der Mensch so von Natur bestimmt, Daß er selbst Arbeit zum Vergnügen unternimmt.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Sich im Spiegel zu beschaun, Kann den Affen nur erbaun. Wirke! nur in seinen Werken Kann der Mensch sich selbst bemerken.

Rückert, Gedichte. Pantheon, Erstdruck 1843. Fünftes Bruchstück. Zahme Xenien. Vierzeilen

Wer seine Stellung kennt und dazu seine Kraft, Und beiden wirkt gemäß, der wirkt untadelhaft.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

Drei Paare und Einer Du hast zwei Ohren und einen Mund; Willst du's beklagen? Gar vieles sollst du hören, und Wenig drauf sagen. Du hast zwei Augen und einen Mund; Mach dir's zu eigen! Gar manches sollst du sehen, und Manches verschweigen. Du hast zwei Hände und einen Mund; Lern' es ermessen! Zweie sind zur Arbeit, und Einer zum Essen.

Rückert, Gedichte. Pantheon, Erstdruck 1843. Fünftes Bruchstück. Zahme Xenien

Arbeitsam willst du sein, doch nicht Erholung missen, Und beides möchtest du recht auszugleichen wissen. Lass dir empfehlen, was Erfahrung mir empfohlen: Von einer Arbeit dient die andere zum Erholen. Die Ausruh' bester Art ist Wechseltätigkeit, Wo gleich im Wechsel bleibt des Strebens Stetigkeit.

Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839