Heinrich Heine (1797–1856)

163 Sprüche Klassik

Ernst ist der Frühling, seine Träume Sind traurig, jede Blume schaut Von Schmerz bewegt, es bebt geheime Wehmut im Nachtigallenlaut. O lächle nicht, geliebte Schöne, So freundlich heiter, lächle nicht! O, weine lieber, eine Träne Küß ich so gern dir vom Gesicht

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Neuer Frühling, 1844

Wie die Nelken duftig atmen! Wie die Sterne, ein Gewimmel Goldner Bienen, ängstlich schimmern An dem veilchenblauen Himmel! Aus dem Dunkel der Kastanien Glänzt das Landhaus, weiß und lüstern, Und ich hör die Glastür klirren Und die liebe Stimme flüstern. Holdes Zittern, süßes Beben, Furchtsam zärtliches Umschlingen – Und die jungen Rosen lauschen, Und die Nachtigallen singen.

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Neuer Frühling, 26.

Es haben unsre Herzen Geschlossen die heil'ge Allianz; Sie lagen fest aneinander, Und sie verstanden sich ganz. Ach, nur die junge Rose, Die deine Brust geschmückt, Die arme Bundesgenossin, Sie wurde fast zerdrückt.

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Neuer Frühling, 24.

Wie des Mondes Abbild zittert In den wilden Meereswogen, Und er selber still und sicher Wandelt an dem Himmelsbogen: Also wandelst du, Geliebte, Still und sicher, und es zittert Nur dein Abbild mir im Herzen, Weil mein eignes Herz erschüttert.

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Neuer Frühling, 23.

Die schönen Augen der Frühlingsnacht, Sie schauen so tröstend nieder: Hat dich die Liebe so kleinlich gemacht, Die Liebe, sie hebt dich wieder.

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Neuer Frühling

Du liebst mich nicht, du liebst mich nicht, Das kümmert mich gar wenig; Schau ich dir nur ins Angesicht, So bin ich froh wie'n König.

Heine, H., Gedichte. Buch der Lieder, 1827

Es drängt die Not, es läuten die Glocken, Und ach! ich hab den Kopf verloren! Der Frühling und zwei schöne Augen, Sie haben sich wider mein Herz verschworen. Der Frühling und zwei schöne Augen Verlocken mein Herz in neue Betörung! Ich glaube, die Rosen und Nachtigallen Sind tief verwickelt in dieser Verschwörung.

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Neuer Frühling, 11.

Von allen Teufeln kennen Sie vielleicht nur den kleinsten, das Beelzebübchen Amor, den artigen Croupier der Hölle, und diese selbst kennen Sie nur aus dem »Don Juan«, und für diesen Weiberbetrüger, der ein böses Beispiel gibt, dünkt sie Ihnen niemals heiß genug, obgleich unsere hochlöblichen Theaterdirektionen soviel Flammenspektakel, Feuerregen, Pulver und Kolophonium dabei aufgehen lassen, wie es nur irgend ein guter Christ in der Hölle verlangen kann.

Heine, Reisebilder und Reisebriefe. Reisebilder. Zweiter Teil. Ideen. Das Buch Le Grand. 1826. Kapitel 1

Spätherbstnebel, kalte Träume, Überfloren Berg und Tal, Sturm entblättert schon die Bäume, Und sie schaun gespenstisch kahl. Nur ein einz'ger, traurig schweigsam Einz'ger Baum steht unentlaubt, Feucht von Wehmutstränen gleichsam, Schüttelt er sein grünes Haupt. Ach, mein Herz gleicht dieser Wildnis, Und der Baum, den ich dort schau Sommergrün, das ist dein Bildnis, Vielgeliebte, schöne Frau!

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Neuer Frühling, 43.

Die Minnesänger Zu dem Wettgesange schreiten Minnesänger jetzt herbei; Ei, das gibt ein seltsam Streiten, Ein gar seltsames Turnei! Phantasie, die schäumend wilde, Ist des Minnesängers Pferd, Und die Kunst dient ihm zum Schilde, Und das Wort, das ist sein Schwert. Hübsche Damen schauen munter Vom beteppichten Balkon, Doch die rechte ist nicht drunter Mit der rechten Lorbeerkron'. Andre Leute, wenn sie springen In die Schranken, sind gesund; Doch wir Minnesänger bringen Dort schon mit die Todeswund'. Und wem dort am besten dringet Liederblut aus Herzensgrund, Der ist Sieger, der erringet Bestes Lob aus schönstem Mund.

Heine, H., Gedichte. Buch der Lieder. Junge Leiden. Romanzen, 11.

Daß ich sterbe hin vor Schmerzen, - Minne, sieh! Das tatest du!

Heine, H., Gedichte. Buch der Lieder, 1827

Die Welt ist dumm, die Welt ist blind, Wird täglich abgeschmackter! Sie spricht von dir, mein schönes Kind: Du hast keinen guten Charakter. Die Welt ist dumm, die Welt ist blind, Und dich wird sie immer verkennen; Sie weiß nicht, wie süß deine Küsse sind, Und wie sie beseligend brennen.

Heine, H., Gedichte. Buch der Lieder. Lyrisches Intermezzo, 15.

Liebeswahnsinn! Pleonasmus! Liebe ist ja schon ein Wahnsinn!

Heine, Atta Troll. Ein Sommernachtstraum, 1847. Caput 19

Worte! Worte! keine Taten! Niemals Fleisch, geliebte Puppe, Immer Geist und keinen Braten, Keine Knödel in der Suppe! Doch vielleicht ist dir zuträglich Nicht die wilde Lendenkraft, Welche galoppieret täglich Auf dem Roß der Leidenschaft. Ja, ich fürchte fast, es riebe, Zartes Kind, dich endlich auf Jene wilde Jagd der Liebe, Amors Steeple-chase-Wettlauf. Viel gesünder, glaub ich schier, Ist für dich ein kranker Mann Als Liebhaber, der gleich mir Kaum ein Glied bewegen kann. Deshalb unsrem Herzensbund, Liebste, widme deine Triebe; Solches ist dir sehr gesund, Eine Art Gesundheitsliebe.

Heine, H., Gedichte. Nachlese

Die Jahre kommen und gehen, Geschlechter steigen ins Grab, Doch nimmer vergeht die Liebe, Die ich im Herzen hab. Nur einmal noch möcht ich dich sehen, Und sinken vor dir aufs Knie, Und sterbend zu dir sprechen: »Madame, ich liebe Sie!«

Heine, H., Gedichte. Buch der Lieder. Die Heimkehr, 25.

Während ich nach andrer Leute, Andrer Leute Schätze spähe, Und vor fremden Liebestüren Schmachtend auf und nieder gehe: Treibt's vielleicht die andren Leute Hin und her an andrem Platze, Und vor meinen eignen Fenstern Äugeln sie mit meinem Schatze. Das ist menschlich! Gott im Himmel Schütze uns auf allen Wegen! Gott im Himmel geb' uns allen, Geb' uns allen Glück und Segen!

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Verschiedene. Angelique, 6.

Sie saßen und tranken am Teetisch, Und sprachen von Liebe viel. Die Herren, die waren ästhetisch, Die Damen von zartem Gefühl. »Die Liebe muß sein platonisch«, Der dürre Hofrat sprach. Die Hofrätin lächelt ironisch, Und dennoch seufzet sie: »Ach!« Der Domherr öffnet den Mund weit: »Die Liebe sei nicht zu roh, Sie schadet sonst der Gesundheit.« Das Fräulein lispelt: »Wieso?« Die Gräfin spricht wehmütig: »Die Liebe ist eine Passion!« Und präsentieret gütig, Die Tasse dem Herren Baron. Am Tische war noch ein Plätzchen, Mein Liebchen, da hast du gefehlt. Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, Von deiner Liebe erzählt.

Heine, H., Gedichte. Buch der Lieder. Lyrisches Intermezzo, 50

O schwöre nicht und küsse nur, Ich glaube keinem Weiberschwur! Dein Wort ist süß, doch süßer ist Der Kuß, den ich dir abgeküßt! Den hab ich, und dran glaub ich auch, Das Wort ist eitel Dunst und Hauch. O schwöre, Liebchen, immerfort, Ich glaube dir aufs bloße Wort! An deinen Busen sink ich hin, Und glaube, daß ich selig bin; Ich glaube, Liebchen, ewiglich, Und noch viel länger, liebst du mich.

Heine, H., Gedichte. Buch der Lieder. Lyrisches Intermezzo

Ich wollte, meine Lieder Das wären Blümelein: Ich schickte sie zu riechen Der Herzallerliebsten mein. Ich wollte, meine Lieder Das wären Küsse fein: Ich schickt sie heimlich alle Nach Liebchens Wängelein. Ich wollte, meine Lieder Das wären Erbsen klein: Ich kocht eine Erbsensuppe, Die sollte köstlich sein.

Heine, H., Gedichte. Nachlese

Lieben und Hassen, Hassen und Lieben, Ist alles über mich hingegangen; Doch blieb von allem nichts an mir hangen, Ich bin der allerselbe geblieben.

Heine, H., Gedichte

Ich kann es nicht vergessen, Geliebtes, holdes Weib, Daß ich dich einst besessen, Die Seele und den Leib. Den Leib möcht ich noch haben, Den Leib so zart und jung; Die Seele könnt ihr begraben, Hab selber Seele genung. Ich will meine Seele zerschneiden, Und hauchen die Hälfte dir ein, Und will dich umschlingen, wir müssen Ganz Leib und Seele sein.

Heine, H., Gedichte. Nachlese