Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Ach! zum Erdenglück geboren, Hoher Ahnen, großer Kraft, Leider früh dir selbst verloren, Jugendblüte weggerafft! Scharfer Blick, die Welt zu schauen, Mitsinn jedem Herzensdrang, Liebesglut der besten Frauen Und ein eigenster Gesang.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 3. Akt, Schattiger Hain, Chor

Man pflegt das Glück wegen seiner großen Beweglichkeit kugelrund zu nennen, und zwar doppelt mit Recht; denn es gilt diese Vergleichung auch in einem andern Sinne. Ruhig vor Augen stehend, zeigt die Kugel sich dem Betrachtenden als ein befriedigtes, vollkommenes, in sich abgeschlossenes Wesen; daher kann sie aber auch, so wie der Glückliche, unsere Aufmerksamkeit nicht lange fesseln.

Goethe, J. W., Theoretische Schriften. Des jungen Feldjägers Kriegskamerad, eingeführt von Goethe 1826

Wie sich Verdienst und Glück verketten, Das fällt den Toren niemals ein; Wenn sie den Stein der Weisen hätten, Der Weise mangelte dem Stein.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 1. Akt, Kaiserliche Pfalz, Mephistopheles

Die Gegenwart des Elenden ist dem Glücklichen zur Last, und ach! der Glückliche dem Elenden noch mehr.

Goethe, Stella, 1775. 3. Akt, Madame Sommer zu Fernando

Der ist am glücklichsten, er sei Ein König oder ein Geringer, dem In seinem Hause Wohl bereitet ist.

Goethe, Iphigenie auf Tauris, 1787. 1. Akt, 3. Auftritt, Thoas zu Iphigenie

Das höchste Glück ist das, welches unsere Mängel verbessert und unsere Fehler ausgleicht.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, 1829. Betrachtungen im Sinne der Wanderer

Ob denn die Glücklichen glauben, daß der Unglückliche wie ein Gladiator mit Anstand vor ihnen umkommen solle, wie der römische Pöbel zu fordern pflegte?

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 5. Bandes 1. Heft, 1824

Man kann sehr glücklich sein, wenn man die Zustimmung der andern nicht fordert.

Goethe, J. W., Briefe. An Carl Friedrich Zelter, 3. Februar 1831

Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 27. Januar 1824

Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will. Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allem; nur die Fähigkeit dazu wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 1. Buch, 17. Kapitel

Genieße also, was dir das Glück gegönnt hat und was du dir erworben hast, und suche dir's zu erhalten.

Goethe, J. W., Briefe. An (Schwester) Christiane von Goethe, 2.Juli 1808

Meiner Sehnsucht schiebt ein böser Geist Statt Freud und Glück verwandte Schmerzen unter.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 3. Akt, 2. Auftritt, Prinzessin zu Leonore

Wir wollen einander nicht aufs ewige Leben vertrösten. Hier noch müssen wir glücklich sein.

Goethe, J. W., Briefe. An Auguste Gräfin zu Stolberg, 16. September 1775

Müßt euer Glück nicht auf die Jüngsten setzen; die Angejahrten wissen Euch zu schätzen.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 1. Akt, Hell erleuchtete Säle, Mephistopheles

In der Schönheit Gebiet sind wir die freiesten Bürger, Doch da wir sonst nichts sind, sehet, so sind wir nicht viel. Alle die andern, sie haben zu tragen, zu tun, zu bedeuten, Wir, das glückliche Volk, brauchen sonst nicht als zu sein.

Goethe, J. W., Gedichte. In: Goethe, Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche, Artemis Verlag, Zürich 1948-1954, II, 514

Ich [hab] nie Als Rang und als Besitz betrachtet, was Mir die Natur, was mir das Glück verlieh.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 1. Akt, 1. Szene, Prinzessin zu Leonore

Wenn du mein Glück vor deinen Augen siehst, So wünscht ich, daß du mein beschämt Gemüt Mit eben diesem Blicke schauen könntest.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 1. Akt, 4. Szene, Tasso zu Antonio

Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich ohne Liebe!

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus den Wahlverwandtschaften, 1809

Freudvoll Und leidvoll, Gedankenvoll sein, Langen Und bangen In schwebender Pein, Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betrübt; Glücklich allein Ist die Seele, die liebt.

Goethe, Egmont, 1788. 3. Akt, Klärchens Lied

Heut ist mir alles herrlich; wenn's nur bliebe! Ich sehe heut durchs Augenglas der Liebe.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, 1814 - 1819. Buch Suleika

Man muß nurEinWesen recht von Grund aus lieben, da kommen einem die übrigen alle liebenswürdig vor!

Goethe, Die Wahlverwandtschaften, 1809. 1.Teil, 12. Kap., Eduard zu Ottilie