Wilhelm Busch (1832–1908)

114 Sprüche Romantik

Höchste Instanz Was er liebt, ist keinem fraglich; Triumphierend und behaglich Nimmt es seine Seele ein Und befiehlt: So soll es sein. Suche nie, wo dies geschehen, Widersprechend vorzugehen, Sintemalen im Gemüt Schon die höchste Macht entschied. Ungestört in ihren Lauben Laß die Liebe, laß den Glauben, Der, wenn man es recht ermißt, Auch nur lauter Liebe ist.

Busch, W., Gedichte. Zu guter Letzt, 1904

Was soll ich nur von eurer Liebe glauben? Was kriecht ihr immer in so dunkle Lauben? Wozu das ewge Flüstern und Gemunkel? Das scheinen höchst verdächtige Geschichten. Und selbst die besten ehelichen Pflichten, Von allem Tun die schönste Tätigkeit, In Tempeln von des Priesters Hand geweiht, Ihr hüllt sie in ein schuldbewußtes Dunkel.

Busch, W., Gedichte. Kritik des Herzens, 1874

Ich wußte, sie ist in der Küchen, Ich bin ihr leise nachgeschlichen. Ich wollt' ihr ew'ge Treue schwören Und fragen, willst du mir gehören? Auf einmal aber stutzte ich. Sie kramte zwischen dem Gewürze; Dann schneuzte sie und putzte sich Die Nase mit der Schürze.

Busch, W., Gedichte. Kritik des Herzens, 1874

Scheu und Treu Er liebte sie in aller Stille. Bescheiden, schüchtern und von fern Schielt er nach ihr durch seine Brille Und hat sie doch so schrecklich gern. Ein Mücklein, welches an der Nase Des schönen Kindes saugend saß, Ertränkte sich in seinem Glase. Es schmeckt ihm fast wie Ananas. Sie hatte Haare wie 'ne Puppe, So unvergleichlich blond und kraus. Einst fand er eines in der Suppe Und zog es hochbeglückt heraus. Er rollt es auf zu einem Löckchen, Hat's in ein Medaillon gelegt. Nun hängt es unter seinem Röckchen Da, wo sein treues Herze schlägt.

Busch, W., Gedichte. Zu guter Letzt, 1904

Du willst sie nie und nie mehr wiedersehen? Besinne dich, mein Herz, noch ist es Zeit. Sie war so lieb. Verzeih, was auch geschehen. Sonst nimmt dich wohl beim Wort die Ewigkeit Und zwingt dich mit Gewalt zum Weitergehen Ins öde Reich der Allvergessenheit. Du rufst und rufst; vergebens sind die Worte; Ins feste Schloß dumpfdröhnend schlägt die Pforte.

Busch, W., Gedichte. Kritik des Herzens, 1874

Entrüstet Zu gräßlich hatt' er mich geneckt. Wie weh war mir zu Sinn. Und tief gekränkt und aufgeschreckt Zum Kirchhof lief ich hin. Ich saß auf einem Leichenstein, Die Augen weint ich rot. Ach lieber Gott, erbarm dich mein Und mach mich endlich tot. Sieht er mich dann in meinem Sarg, So wird er lebenssatt Und stirbt vor Gram, weil er so arg Mein Herz behandelt hat. Kaum war's gesagt, so legten sich Zwei Arme um mich her, Und auf der Stelle fühlte ich, Wer das getan, war er. Wir kehrten Arm in Arm zurück. Ich sah ihn an bei Licht. Nein, solchen treuen Liebesblick Hat doch kein Bösewicht.

Busch, W., Gedichte. Schein und Sein, 1909

Liebesglut 1. Sie liebt mich nicht. Nun brennt mein Herz Ganz lichterloh vor Liebesschmerz, Vor Liebesschmerz ganz lichterloh Als wie gedörrtes Haferstroh. Und von dem Feuer steigt der Rauch Mir unaufhaltsam in das Aug', Daß ich vor Schmerz und vor Verdruß Viel tausend Tränen weinen muß. Ach Gott! Nicht lang' ertrag' ich's mehr! – Reicht mir doch Feuerkübel her! Die füll' ich bald mit Tränen an, Daß ich das Feuer löschen kann. 2. Seitdem du mich so stolz verschmäht, Härmt' ich mich ab von früh bis spät, So daß mein Herz bei Nacht und Tag Als wie auf heißen Kohlen lag. Und war es dir nicht heiß genug, Das Herz, das ich im Busen trug, So nimm es denn zu dieser Frist, Wenn dir's gebacken lieber ist!

Busch, Vermischtes. Fliegende Blätter und Münchner Bilderbogen, 1859

Denn die Summe unsres Lebens Sind die Stunden, wo wir lieben.

Busch, Bildergeschichten. Dideldum! Aus: Summa summarum. Originaltext

Frühling, Sommer und dahinter gleich der Herbst und bald der Winter – ach, verehrteste Mamsell, mit dem Leben geht es schnell.

Busch, Aphorismen, Reime und Sinnsprüche

Willst du das Leben recht verstehn, mußt du's nicht nur von vorn besehn. Von vorn betrachtet sieht ein Haus meist besser als von hinten aus.

Busch, Aphorismen, Reime und Sinnsprüche. Sprikker

So geht es nun einmal auf der Reise hienieden. Einer nach dem anderen steigt aus, und der Zug saust weiter, bis die Station kommt, wo man selber aussteigen muß.

Busch, Aphorismen, Reime und Sinnsprüche

Wer leben will, der muß was tun.

Busch, W., Gedichte. Schein und Sein, 1909. Aus: Unbeliebtes Wunder

Das ist es eben! Man denkt nicht nur – man will auch leben.

Busch, Aphorismen, Reime und Sinnsprüche

Die Zeit So ist nun mal die Zeit allhie', erst trägt sie dich, dann trägst du sie, und wann's vorüber, weißt du nie!

Busch, Bildergeschichten. Hernach, 1908

Eine Ruhe, im Sinn der Verholzung, besitz ich noch nicht. Ich hab nur sagen gewollt, daß ich mich fein still auf dem Platze halte, der mir zugewiesen, und von da aus in angemessener Bescheidenheit mit einer, sozusagen, mehr unparteiischen Heiterkeit diese Welt betrachte als ehedem.

Busch, W., Briefe. 1841 bis 1892. An Johanna Keßler

Bös und gut Wie kam ich nur aus jenem Frieden Ins Weltgetös? Was einst vereint, hat sich geschieden, Und das ist bös. Nun bin ich nicht geneigt zum Geben, Nun heißt es: Nimm! Ja, ich muß töten, um zu leben, Und das ist schlimm. Doch eine Sehnsucht blieb zurücke, Die niemals ruht. Sie zieht mich heim zum alten Glücke, Und das ist gut.

Busch, W., Gedichte. Schein und Sein, 1909

Schreckhaft Nachdem er am Sonntagmorgen Vor seinem Spiegel gestanden, Verschwanden die letzten Sorgen Und Zweifel, die noch vorhanden. Er wurde so verwegen, Daß er nicht länger schwankte. Er schrieb ihr. Sie dagegen Erwidert: Nein! Sie dankte. Der Schreck, den er da hatte, Hätt' ihn fast umgeschmissen, Als hätt' ihn eine Ratte Plötzlich ins Herz gebissen.

Busch, W., Gedichte. Zu guter Letzt, 1904

Stiftungslied Reicht den Becher in die Runde! Freudig preisen wir die Stunde, Wo wir uns aus fernen Landen Brüderlich zusammenfanden Zu dem schönsten Jugendbunde. Alter Neid, der uns verblieben, Alter Haß, er sei vertrieben. Wer da haßt, der lebt vergebens, Denn die Summe unsres Lebens Sind die Stunden, wo wir lieben. Wo wir irren, wo wir fehlen, Wollen wir uns nicht verhehlen, Aber heimlich und im Rücken Der Verleumdung Dolch zu zücken, Bleibe den gemeinen Seelen. Was wir denken, was wir streben, Was wir lieben und erleben, Sei vereint in diesen Stunden Doppelt schön von uns empfunden, Unsre Herzen zu erheben. Dieser Geist, der uns durchdrungen, Lebe frisch und unbezwungen Immer fort in diesen Hallen, Wenn wir längst in Staub zerfallen Und dies Lied schon längst verklungen.

Busch, W., Gedichte. Die Kneipe des Vereins Jung-München, 1859-1871

Das Leben wird schließlich sogar mit dem Tode bestraft.

Busch, W., Briefe. An Nanda Keßler, 16. September 1907

So sind wir nun: kriechen heraus, hantieren hier oben eine Zeitlang scheinbar selbständig hin und her und legen uns dann ganz still wieder unter die Kruste.

Busch, Aphorismen, Reime und Sinnsprüche

Leben heißt ein Tyrann sein.

Busch, Aphorismen, Reime und Sinnsprüche. Sprikker