Alter Sprüche – sinn

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Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und allen Feinheiten desselben, erst recht verstehen lehrt.

Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, 2 Bde., zweite vermehrte Auflage 1862 (EA: 1851). Erster Band. Aphorismen zur Lebensweisheit. Kapitel 6: Vom Unterschiede der Lebensalter

Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden.

Swift, Gedanken über verschiedene Gegenstände (Thoughts on Various Subjects), gemeinsam mit Alexander Pope verfasst

Weisheit der Alten Nimmt unser Leib erst ab, nimmt der Verstand recht zu: Die Seele, scheint es, hat mehr vor dem Leibe Ruh.

Logau, Sinngedichte, aufs neue überarbeitet, mit drey Büchern vermehrt, und mit Anmerkungen begleitet von Karl Wilhelm Ramler, 2 Bde., 1791

Es muß aber jegliches Lebensalter auch das seiner Art entsprechende und gebührende Glück haben, sonst gedeiht der Mensch nicht zu seiner Vollkommenheit [...].

Ernst, Der schmale Weg zum Glück, 1904

Alte Menschen sind nicht nur nützlich, sie machen das Leben angenehm.

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Das beschauliche Leben ist oft elend. Man muß mehr handeln, weniger denken und sich selbst fortwährend studieren.

Chamfort, Maximen und Gedanken. Charaktere und Anekdoten (Maximes et pensées: Caractères et anecdotes), 1795. In: Die französischen Moralisten. Die Aphorismenbücher in vollständiger Gestalt. Verdeutscht und hg. von Fritz Schalk, Leipzig 1938

Aber kein Übel gibt es, das langes Leben nicht mit sich brächte.

Petrarca, F., Briefe. An Stefano Colonna den Alten in Rom

Wer über sein Tages- und Lebenswerk nachdenkt, wenn er am Ende und müde ist, kommt gewöhnlich zu einer melancholischen Betrachtung: Das liegt aber nicht am Tage und am Leben, sondern an der Müdigkeit.

Nietzsche, Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile, 1881

Wer im Müßiggang verzehrt, was er selbst nicht erworben hat, verübt geradezu einen Diebstahl, und ein Rentner, den der Staat für sein untätiges Leben in Form von Zinsen bezahlt, ist in meinen Augen kaum von einem Straßenräuber verschieden, der auf Kosten der Reisenden lebt.

Rousseau, Emil oder über die Erziehung (Émile ou de l'éducation), 1762

Bei dem Leben wird, wie bei dem Montblanc, nicht das Hinauf-, sondern das Heruntersteigen am schwersten, zumal weil man statt des Gipfels Abgründe sieht​.

Jean Paul, Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte, 1820-22 (blieb wegen schwerer Schicksalsschläge nur Fragment). II. Enklave

Wir sagen ›das Leben nehmen‹, während nur Jahre genommen werden.

Jean Paul, Bemerkungen, August 1782

Es ist des Alters schöne Weise, die noch übrigen Tage des Lebens in schön geordneter Folge, einen heller, klarer, ungetrübter als den andern, zu erwarten, in gleichem Maße wie das Inwendige geordneter wird, die Leidenschaften gezähmt, das Tun Frucht eines vernünftigen, freien Willens geworden, das Gemüt sich mit Gott und den Menschen versöhnt hat und nun in stiller, schöner Ruhe die Erfüllung der Verheißungen Gottes erwartet, den schönen Gottesfrieden, der über allen Verstand geht.

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Jedes Alter kann einen guten Gebrauch vom Leben machen, aber man kennt die Möglichkeiten nur, wenn man dieses Alter durchlebt hat.

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Man sagt, ich sei dreißig Jahre alt. Wenn ich aber drei Minuten in einer gelebet habe – bin ich dann nicht neunzig Jahre alt?

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Bevor ich ein alter Mann wurde, war ich darauf bedacht, würdig zu leben, jetzt im Alter richtet sich mein Streben darauf, würdig zu sterben.

Seneca, Mächtiger als das Schicksal. Ein Brevier, übersetzt von Wolfgang Schumacher 1942. Moralische Briefe an Lucilius

Die Lebenstage der Menschen gleichen den sybellinischen Büchern: Je weniger davon übrig sind, desto kostbarer werden sie.

Fliegende Blätter, humoristische deutsche Wochenschrift, 1845-1944

Vor Zeiten zu Jerusalem Da lebt' ein weiser König, Blieb schuldig keine Antwort wem, Er liebt' und trank nicht wenig; Doch als er alt geworden war, Gebeugt der stolze Scheitel, Die Waden dünn, schneeweiß das Haar, Papier statt Gold im Beutel – Da schrie er in Jerusalem: 's ist Alles, Alles eitel!

Fliegende Blätter, humoristische deutsche Wochenschrift, 1845-1944

In unserer Jugend schuften wir wie Sklaven, um etwas zu erreichen, wovon wir im Alter sorglos leben könnten: und wenn wir alt sind, sehen wir, daß es zu spät ist, so zu leben.

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Es sind zwei Sorten von Leuten. Die einen kümmern sich um die Adiaphora des Lebens, je älter sie werden, desto mehr; die andern desto weniger. Einige gar nicht, und diese haben das Erdendasein glücklich überwunden.

Raabe, Gedanken und Einfälle (Sämtliche Werke, Dritte Serie, Bd. 6), 1913

Wer seiner Werke Ende kann Anschau'n, das ist ein weiser Mann. Wer immer auf das Ende gern Hinsieht, dem bleibt die Reue fern. Das Ende krönet, nicht der Streit; Gut Ende guten Namen verleiht. Das Ende treibt die Sünde zurück, Schaut man es an mit stätem Blick. Ein gutes Ende macht Alles gut, Gut Ende nimmer übel thut. Der Bootsmann an dem Ende steht Und lenkt das Schiff, daß es wohl geht. Wer stets will auf das Ende sinnen, Der wird wohl selten Leid gewinnen.

Lindemann (Hg.), Blumenstrauß von geistlichen Gedichten des deutschen Mittelalters, 1874

Am Anfang unseres Lebens stand die dunkle Not. An seinem Ende steht die leuchtende Verklärung.

Sonnenschein, Notizen. Weltstadtbetrachtungen, 1926-28