Alter Sprüche – zeit

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Der Alte Ich werde viel älter und Schwermuth und Plage Droht meiner schon sinkenden Hälfte der Tage: Kaum wallet noch weiter mein zögerndes Herz Bei winkenden Freuden, bei lockendem Scherz. Die schmeichelnde Falschheit der lachenden Erben Verheißt mir das Leben und wünschet mein Sterben: Ein fingernder Doctor besalbt mir den Leib: Bald lärmet der Pfarrer, bald predigt mein Weib. Die warnenden Kenner der Wetter und Winde, Die stündlichen Forscher: Wie ich mich befinde? Die thränenden Augen, die keichende Brust Entkräften den Liebreiz, verscheuchen die Lust. Nun soll mich doch einmal mein Leibarzt nicht stören. Verjüngende Freunde, hier trink ich mit Ehren! Weib, Pfarrer und Erben, nur nicht zu genau! Hier frag' ich nicht Pfarrer, nicht Erben, noch Frau. Im Beisein der Alten verstellt sich die Jugend: Sie trinkt nur bei Tropfen, sie durstet vor Tugend; Ich ehrlicher Alter verstelle mich auch, Bezeche den Jüngling und leere den Schlauch. Mein Auge wird heller: wer höret mich keichen? Ich suche der muthigen Jugend zu gleichen; Und will, auch im Alter, bei Freunden und Wein, Kein Tadler der Freuden, kein Sonderling sein.

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Das Altwerden ist eine dumme Geschichte, aber wenn man es im Grunde nimmt, das einzige Mittel, lange zu leben.

Fliegende Blätter, humoristische deutsche Wochenschrift, 1845-1944. 1881

Ende Wie matt dein Lieben! Dein Herz wie alt! Die Funken zerstieben, Der Herd wird kalt. In heißen Essen Geschmiedet Glück Nun rostzerfressen – Was blieb zurück? All dein Vollbringen Was hats vollbracht? StandeinGelingen In deiner Macht? Die Götter ließen Dich unverdient Manch Glück genießen – Hast dus gesühnt? Nun Sonnenwende. Der Sommer sank … Nicht klagen ums Ende – Das sei dein Dank.

de Nora, Gedichte. Hochsommer. Neue Gedichte, 1912

Auch wir werden alt werden [...] und Furchen und Falten werden sich in unser Gesicht graben und das Herz wird müde werden des frohen Glaubens seiner Jugend und müde der bunten Hoffnungen, mit denen es sich freute und über alle Enttäuschungen hinweglachte.

Flaischlen, Von Alltag und Sonne. Gedichte in Prosa, 1897. Rondos. Aus: Auch wir werden alt werden ...

Alter und Tod nagen wie zwei Wölfe an allen Geschöpfen, ob stark oder schwach, ob klein oder groß.

Gueleva (Übers.), Altindische Sprüche (ca. 3500 v. Chr. - 500 n. Chr.), übersetzt von Paul Gueleva (*1955)

Die Frau des Alternden Es ist nicht mehr, wie in den ersten Jahren, Da sie einander liebten, überreich – Ein Frühherbstschimmer, wie der Reif so bleich, Ruht heute schon auf seinen müden Haaren, Doch sie blieb unversehrt und mädchengleich. Und immer noch, wenn sie auf Wiesen gehen, Und sie sich eng an seine Schulter lehnt, Weiß er, daß sie nichts anderes ersehnt, Als dies: mit ihm auf ihren jungen Zehen Durchs Land zu schreiten, das sich blühend dehnt. Da ist sie noch ganz sein – auch in den Nächten, Wenn schwerer Duft von dunkeln Beeten weht. Und seiner Inbrunst, die schon fast Gebet, Begegnet sie im Golde loser Flechten Und gibt ihm reicher, als er selbst erfleht. Doch wenn des Abends einmal Geigen klingen, Und ihr geschmeidig schlanke Tänzer nahn, Da sieht sie ihn so fremd und fragend an, Und plötzlich ist sie voll von fernen Dingen, Wie einem andern Zauber aufgetan. Und wenn sie dann aus schmiegsamen Armen Zu ihm zurückkehrt, der so sehr allein, Hat sie ein Lächeln, heimlich, kühl und fein, Und Blicke voll verschwiegenem Erbarmen Und Worte wie Verzichten und Verzeihn.

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Existiert denn der Mensch nur für einen bestimmten Lebensabschnitt? Ist die Kindheit nur Ouvertüre, das Alter nur Epilog?

Dohm, Werde, die Du bist, 1894

In der Antipathie gegen alte Frauen ist viel von der Barbarei früherer Zeitalter, von Zeitaltern, in denen auch die Krankheit als eine Schuld galt, und wo man die Alten, wenn sie nichts mehr leisteten, einfach ersäufte.

Dohm, Werde, die Du bist, 1894

Wie der Uhren Schlag mir die Stunden, der Sonne Lauf mir die Jahre zuzählt: so lebe ich, ich weiß es, immer näher dem Tode entgegen. Aber dem Alter auch? dem schwachen stumpferen Alter auch, worüber Alle so bitter klagen, wenn unvermerkt ihnen verschwunden ist die Lust der frohen Jugend, und der inneren Gesundheit und Fälle übermüthiges Gefühl?

Schleiermacher, Monologen. Eine Neujahrsgabe, Erstdruck 1800. V. Jugend und Alter

Ein alter Mensch hat die ganze Natur zum Feinde.

Casanova, Die Erinnerungen des Giacomo Casanova (Histoire de ma vie, 1793-98), übersetzt von Heinrich Conrad, 6 Bde., 1911. 1. Band, 5. Kapitel

… aller Uebel Unseligstes, verliehen uns die Ew'gen Das Alter, wo die Wünsche Noch glühend sind, die Hoffnung längst erloschen, Versiegt der Freuden Quell und stets sich häuft Das Weh, in das kein Tropfen Wonne träuft.

Leopardi, Gesänge (Canti), in: Gedichte und Prosaschriften, Berlin 1889, übersetzt von Paul Heyse. Erstdruck: Florenz 1831, erweiterte Fassung Neapel 1835. Aus: 33. Monduntergang; entst. 1834/37, posthum veröff. 1845

Der Alte Der weisheitvolle Greis, der gegenwärtge Zeiten Hofmeisterlich belehrt, der Freund der Schwierigkeiten, Ist hämisch, mißvergnügt, der Erben Trost und Last, Und hoffet, scherzt und liebt so frostig, als er haßt: Nichts rührt sein schlaffes Herz, als kluge Münzgesetze, Des Reichthums Majestät, die Heiligkeit der Schätze, Die er mit List, mit Furcht, die ihn zum Sklaven macht, Erwuchert, sammlet, zählt, umarmt, versteckt, bewacht, Verehrt, verschont, beseufzt. Scharf, und wie Schiffer pflegen, Sieht er nach Luft und Wind, und wittert Sturm und Regen, Scheut so den kürzesten, als längsten Tag im Jahr, Den Frühling, wie den Herbst, lebt mäßig wie Cornar, Auch eh' ihm noch der Arzt die Hungercur empfiehlet: Bis ihn des Todes Geiz dem schönen Gelde stiehlet.

Hagedorn, F., Gedichte. Epigrammatische Gedichte. Originaltext

Brüchig sind auch Spiegel.

Benjamin, Das Passagen-Werk, entstanden 1927-1940, Erstdruck 1982 (posthum)

Du aus den Händen der Natur, Zu ihrem Ruhm hervorgegangene Schöne! Jetzt singet, auf der arm gewordnen Flur, Nicht mehr die Lerche. Jetzt verlernt die Thöne Selbst deiner Schwester Nachtigall. Sie schweigt In ihrem melancholischen Gehäuse; Tief denkend sitzt sie da – so sitzet oft der Weise, Der Menschenfreund, wenn fremde Noth ihn beugt, Wenn drückend Elend kommt mit jung gewordnen Tagen, Wenn durch das Vaterland die lautgestöhnten Klagen Erschallen allgemein: Dann sitzet traurig er, Verstummt von Schmerz, und blickt umher, Ob aufgeklärtre Tage kommen – Du holdes Mädchen, von zwey Frommen, Im Lande Friedrichs auf die Welt gebracht; Unmuthig siehest du den Bäumen ihre Pracht, Den Blumen ihren Reiz benommen. Der Maulbeerbaum – er stehet blätterlos; Wie liegen unter ihm, die stolz getragne Locken Zerstreut, auf schwarzer Erde Schooß, Den blassen Leichen gleich! O! ihre Sterbeglocken, Die rauhen Winde stürmten um sie her. Wie ist die Reben-Wand von ihrem Schmuck so leer! Nichts grünet mehr in dem beliebten Raume, Wo du Lustwandeln giengst, wo Blumen sich gebückt, Vor deines weissen Kleides Saume, Wann sie dein Angesicht erblickt. So nimmt die Zeit, einst Güter der Natur Dir schönes Kind! Dein Herbst, dein Winter werden kommen Mit räuberischer Hand. Dann wird, wie von der Flur, Der Reiz von dieser Wange weggenommen. Sie lassen dir des Herzens Schönheit nur! Nur den Verstand heraufgereift, nur Züge Der Seele, die mit Tugend ausgeschmückt Nicht von der Zeit, vom Zufall nicht erdrückt, Bezeuget, daß in ihr der Gottheit Funke liege! Wann achtzehn Erndten noch vorüber gehn, Und Krankheit nicht in Dir Verwüstung angerichtet; Dann ist vielleicht noch dieses Antlitz schön, Das alle Kunst der Mahlerey zernichtet. Wann aber funfzig Sommer du gelebt; Alsdann haucht alle Reize von den Wangen Die starke Zeit, vor der die Gärten sind vergangen, Die prächtig in der Luft geschwebt. Dein äußrer Bau, so künstlich er gewebt, So fein die Nerven auch sind überzogen worden, Ist nichtig, muß vergehn; wie Blüten im April, Wenn nächtlich sie ein Frost kommt in der Knospe morden, Und wenn ins Leben sie die Sonne wecken will, Noch ungestalt und welk an Zweige kleben – Dir aber sollen noch die Jahre Reizung geben. Dein Geist, der innre Mensch, soll, wirst du älter seyn, Durch größre Schönheit den erfreun, Der dir bestimmt, und deiner werth befunden, Mit dir durchlebet goldne Stunden. Uns nicht bekannt, ist dieser Jüngling noch. Du horchst hoch auf, wirst roth, und willst ihn wissen? Der Himmel kennet ihn, und der wird doch Dich nicht unedle Lippen lassen küssen. Nein, fromm und treu, verständig, zärtlich, ernst Sey der, von dem du leicht mehr Tugenden noch lernst.

Karsch, Auserlesene Gedichte, 1763. An Mademoiselle W. Buchholz, auf ihren Geburtstag. Den 30ten des Wintermonaths 1761. Originaltext

Des Menschen Alter, von innen gesehen, ist ewige Jugend.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Alles Lebendige währt seine Zeit, das reinste Weiß ergraut einmal, es trübt sich jeder Glanz.

Wille, Die Abendburg. Chronika eines Goldsuchers in zwölf Abenteuern, 1909. Das letzte Abenteuer

Die Jahre des Menschen gleichen der Seitenzahl von Büchern; bei guten Menschen und guten Büchern ist es einem leid, wenn es an die letzte Jahres- oder Seitenzahl geht; bei schlechten Menschen und Büchern dankt man seinem lieben Himmel, wenn sie gar sind.

Kaiser, Die Schule des Armen, o. J. [1847/48]. Erster Akt, erste Szene. Christoph

Was aber ist im Alter beglückender als das, was in der Jugend am angenehmsten war?

Plinius der Jüngere, Briefe (Epistulae). Buch II, Brief 3: C. Plinius Nepoti Suo S. Übers. Internet Originaltext: Nam quid in senectute felicius, quam quod dulcissimum est in iuventa

Die alte Zeit, da wir jung waren, ist nun jung, da wir alt sind; wir wollen in der jungen Zeit uns unsers Alters freuen.

Brentano, Ponce de Leon. Lustspiel in fünf Aufzügen, 1803. Erster Akt, zehnter Auftritt. Sarmiento

Aus der Beeringsstraße Die Lieder, die mir unter Schmerz und Lust Aus jugendlichem Busen sich befreit, Nachklangen wohl, ich bin es mir bewußt, In Derer Herzen, denen sie geweiht; Sei still, mein Herz, und trage den Verlust, Sie klangen, sie verhallten in der Zeit; Mein Lieben und mein Leben sind verhallt Mit meinen Liedern, um mich ist es kalt. Das Leben hat, der Tod hat mich beraubt, Es fallen Freunde, sterben von mir ab, Es senkt sich tief und tiefer schon mein Haupt, Ich setze träumend weiter meinen Stab, Und wanke, müder, als wohl mancher glaubt, Entgegen meinem Ziele, meinem Grab. Es gibt des Kornes wenig, viel der Spreu: Ich pflückte Blumen, sammelte nur Heu. Das tat ich sonst, das tu ich annoch heute, Ich pflücke Blumen und ich sammle Heu; Botanisieren nennen das die Leute, Und anders es zu nennen trag ich Scheu; So schweift das Menschenkind nach trockner Beute Das Leben und die Welt hindurch, die Reu Ereilet ihn, und, wie er rückwärts schaut, Der Abend sinkt, das Haar ist schon ergraut. So, Bruder, schaudert's mich auf irrer Bahn, Wann düstre Nebel ruhn auf trübem Meer; Beeiste Felsen ruf ich liebend an, Die kalten Massen widerhallen leer; Ich bin in Sprach und Leben ja der Mann, Der jede Sylbe wäget falsch und schwer; Ich kehre heim, so wie ich ausgegangen, Ein Kind, vom greisen Alter schon umfangen. Wann erst der Palme luft'ge Krone wieder In tiefer Bläue schlankgetragen ruht, Aus heitrer Höh die mächt'ge Sonne nieder Zur wonn'gen Erde schaut in reiner Glut, Dann schmiegen sich durchwärmt die starren Glieder Und minder schwer zum Herzen fließt das Blut, Dann möchten auch die düstern Träume weichen Und ich die Hand dir sonder Klage reichen.

Chamisso, Gedichte. Im Sommer 1816

Zersticht das Alter dein Gesicht, Und flicht dir Asche in dein Haar, Dornen in deine Lippen – Jugendklar bleibt dein Auge. In deinen Augen springt heilig ein Quell, An dem die dunkle Nymphe singt; Heilig ein Quell, Drinnen Märchenmonde hell funkeln. Wer einen Blick mit dir getauscht, Trägt ihn berauscht von Aug zu Auge. Dein Augenlicht bricht, Wenn auf Erden das letzte Auge versiecht.

Dauthendey, M., Gedichte. Reliquien. Gedichte, 1897