Alter Sprüche – zukunft

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Die Jugend spricht vom Alter wie von einem Unglück, das sie nie treffen kann.

Wertheimer, Aphorismen. Gedanken und Meinungen, 1896

Alter Geschlagen Hat mich das Alter und ich verstehe, Was ich sonst nur obenhin verstand, Wie es gemeint ist, wenn man redet Von müden Greisen. Müde vor allem sind mir die Beine Und nach wenig Morgenbewegung Freu ich mich auf das Mittagsschläfchen. Nicht gelüstet mich's, mitzueilen, Wenn, von Trompetenschmettern gelockt, Nach des festlichen Aufzugs Schauspiel Neugierselig die Menge strömt, Wenn sie am Felsberg atmend aufklimmt, Wo auf dem Gipfel die Rundsicht winkt. Und der Geist, wie steht es um ihn? Müd ist geworden, müd auch er, Müde der Täuschung. Eine nur, eine noch ist geblieben. Nimmer so lang ich noch Atem hole, Nimmer, nimmer schwinde sie mir, Die hohe Täuschung, der wahrheitsvolle, Heilige Wahn, daß Götter leben!

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Selbsttäuschung "Bist geworden älter, Bist geworden kälter!" Sag' ich oft zu mir; "Laß es dich nicht grämen, Nicht den Mut dir lähmen, Kannst ja nicht dafür! Jeder Tag verglühet, Jeder Lenz verblühet, Jede Stimme bricht, Jede flücht'ge Stunde Schlägt uns eine Wunde: Wir nur merken's nicht. Erst wenn tausend bluten, Will es uns gemuten, Daß die Kraft doch litt; Stein und Erz verwittert, Eich' und Zeder splittert, Und wir altern mit." – Das fühl' ich mit Schmerzen Oft so klar im Herzen, Bin so ernst, so still, Daß ich einen Schleier Über meine Leier Scheidend breiten will. – Und doch – wenn ich wieder Hoch von Alpen nieder Ausblick' in die Welt; Wenn ich in das Blaue Schwindelnd aufwärts schaue, Das der Mond erhellt; Wenn aus heil'gen Hallen Orgelklänge schallen, Wenn der Wildbach braust; Wenn die Wolkenfalten Blaue Blitze spalten; Wenn der Hochwald saust; Wenn ich, froher Dinge, Freundesbrust umschlinge, Mensch mit Menschen bin; Wenn's in muntren Kreisen Schallt von kräft'gen Weisen, Dann erwacht mein Sinn. Dann wohl fühl' ich's schlagen Wie in frühern Tagen, Manches meldet sich; Und das Aug' wird heller, Und der Puls wird schneller, und ich fühle mich. Und mir sagt's ein Sehnen: "Laß solch eitles Wähnen; Bist nicht, was du scheinst! Du wardst noch nicht älter, Du wardst noch nicht kälter, Bist noch jung wie einst!"

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Ja, je gewisser das Ende ist, desto reizvoller die Minute und desto dringender die Mahnung: Nutze den Tag.

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Da ich noch ein Kind war, hört ich stets: der Jugend Führer sei das Alter; beiden sei, nur wenn sie als Verbundne wandeln, Glück beschert.

Goethe, Palaeophron und Neoterpe. Ein Festspiel zur Feier des 24. Oktober 1800, 1800

Du, dieses Jahres Abend, Herbst Sei meines Lebensabends Bild! Wie langsam du den Hain entfärbst, Und deine Sonn' ist frühlingsmild: Es lacht das grünende Gefild Tief im Oktober ohne Frost, Und in der Traube schwillt der Most, Wie in der Brust Begeistrung schwillt.

Rückert, Gedichte. Haus und Jahr. Herbst

Ich bin ein angehender Greis, der Hoffnung hat, ehrwürdig zu werden. Also nichts zu fürchten.

Nestroy, Lady und Schneider. Posse mit Gesang in zwei Akten, 1849. 2. Akt, 5. Szene, Fuchs

Willst du dir den abendlichen Frieden deines Lebens sichern, so ruf' deine Fahrzeuge zeitig vom hohen Meere heim! Wirf die Netze des Erfolgs nur noch am nächsten Ufer aus.

Gutzkow, Vom Baum der Erkenntnis. Denksprüche, 1868

Die Alten Wenn man jung ist und modern, möchte man natürlich gern alles neu und umgestalten, doch, wer meckert dann? Die Alten! Will dynamische Ideen endlich man verwirklicht sehen, zieh'n sich sorgenvolle Falten; ja, so sind sie, unsere Alten! Krieg und Elend, Hungersnot; manchen Freundes frühen Tod; doch sie haben durchgehalten, ja, das haben sie, die Alten! Was sie unter Müh' und Plagen neu erbaut in ihren Tagen, wollen sie jetzt gern erhalten: Habt Verständnis für die Alten! Bändigt Eure jungen Triebe, zeigt den Alten Eure Liebe, laßt Euch Zeit mit dem Entfalten, kümmert Euch um Eure Alten! Wozu jagen, warum hetzen? Nach den ewigen Gesetzen ist die Zeit nicht aufzuhalten. Plötzlich seid Ihr dann die Alten! Und in Euren alten Tagen hört Ihr Eure Kinder klagen; ach, es ist nicht auszuhalten, immer meckern diese Alten! Ja, des Lebens Karussell dreht sich leider viel zu schnell; drum sollten sie zusammenhalten, all die Jungen und die Alten!

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Glücklich, wer den Himmel offen In der Zukunft Dunkel sieht! Aber man verlernt das Hoffen, Wenn die Jugendwolke flieht.

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Wertlos, ungesellig, schwach, freudlos kommt das Greisentum, die Vereinigung sämtlicher Übel.

Sophokles, Ödipus auf Kolonos, posthum aufgeführt um 401 v. Chr

Die Jugend vergeudet Jahre, das Alter sammelt Stunden.

Schaukal, Vom Alter. Nachdenklichkeiten von Richard von Schaukal, in: Der Türmer, 1928

Der Greis ist einmal jung gewesen, ob der Jüngling aber das Greisenalter erreichen wird, ist noch ungewiss. So ist das abgeschlossene Gut besser als das zukünftige und unsichere.

Diels/Kranz (Hg.), Die Fragmente der Vorsokratiker, hg. von Hermann Diels und Walther Kranz, 3 Bde., 1903-10. 295.

Der Jugend fliegt alles zu, die Liebe, das Glück; je älter wir werden, desto weniger gehen unsere Wünsche in Erfüllung; vielleicht darum, weil wir alsdann anfangen, das Vernünftige zu wollen.

Mohr, Gedanken über Leben und Kunst, 2. vermehrte Auflage 1885 (EA: 1879)

Wer älter aussehen will, als er ist, suche sich zu verjüngen.

Wertheimer, Aphorismen. Gedanken und Meinungen, 1896

Wenn das Alter kommt, gilt es, sich bereit zu machen.

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Im Alter, wenn die Kräfte des Geistes und Leibes verschwinden, – wie seltsam ist es, hierin eine Vernichtung zu sehen? Wenn die Blätter des Baumes im Herbste abfallen, ist der Baum nun tot? Ein neuer Frühling wird ihn erwecken.

Eyth, Bilder ohne Rahmen. Aus den Papieren einer Unbekannten mitgetheilt – nicht von ihr selbst, 8. Auflage 1894 (EA: 1852) (anonym)

Ich sah von weitem Die Früchte leuchten In Gottes Garten – Wie war das schön!

Nissen, Der Rembrandtdeutsche Julius Langbehn. Von seinem Freunde Benedikt Momme Nissen, 1926

Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden, Und das neue öffnet sich mit Mord. Und das Band der Länder ist gehoben, Und die alten Formen stürzen ein. …

Schiller, F., Gedichte. Aus: Der Antritt des neuen Jahrhunderts, Erstdruck 1801 unter dem Titel: An ***

Die Alten Da haben sie ihr Lebtag sich gequält, Von früh bis spät geschuftet und geschunden. Und, wie der Eingekerkerte die Stunden Die Jahre ihres Arbeitsjochs gezählt. Nun klingt die Glocke endlich: Frieden! Frieden! Und Feierabend! Ihres Käfigs Tor Ist endlich offen und sie stehn davor, Nun ist auch ihnen einmal Ruh' beschieden! Erlösung! Ruh'! Wie sie das langsam schlürfen, Wie sie das kosten werden bis zum Grund, Dies selig süße Nichtmehrsorgendürfen! Nicht mehr sich plagen müssen wie ein Hund! Dies große Glück! … Und ihre Hände schlingen Sich ineinander, und die Augen sprühn … – Da läutet in der Luft ein Sensenklingen – – – Da mäht der Tod sie an der Schwelle hin! Ach, ihres Glückes einzig karge Spende Nach all der Arbeit, Mühe, Sorg und Not War nur, – daß sie, verschlungen Herz und Hände, Gemeinsam gehen durften in den Tod.

de Nora, Gedichte. Hochsommer. Neue Gedichte, 1912

Alter und Jugend Ihr könnt nicht uns verstehen Und wir nicht euren Rat: Wohlan, so lasst uns gehen Ein jeder seinen Pfad. Ihr legt die Stirn in Falten, Ihr nennt euch selbst die Alten, Die Nüchternen, die Kalten: Und wir sind jung und wir sind frisch Und wir sind rasch und wir sind risch, Das kann nicht Friede halten. Wir wollen euch nicht zürnen, Ade, ihr alten Herrn! Vor euren kahlen Stirnen Beugt unser Knie sich gern. Doch sagt, vor unsern Locken, Vor unsers Flaumes Flocken, Warum steht ihr erschrocken? Auch euer Haupt war einmal braun, Auch euer Auge konnte taun, Nun aber ist es trocken. Ihr habt ihn längst verloren, Den Blick für unsre Welt, Euch dünkt ein Spott der Toren, Was uns die Seele schwellt. Ihr mögt nur immer sagen, Kopfschütteln nur und fragen, Bedauern und beklagen: Uns packt es an und reißt es fort, Nun sind wir hier, nun sind wir dort, Wir wollen einmal wagen. Lebt wohl! – Zum letzten Male Kreuzt unsre Bahn sich hier: Ihr geht gemach im Tale, Auf Klippen wandern wir. Ruht aus in Abendgluten, Beim Murmeln kühler Fluten, Wie eure Väter ruhten: Denkt nie, dass ihr einst selber so Ward jugendfrisch und jugendfroh –! Das Herz müsst euch ja bluten. Du aber, Reich der Jugend, Steig auf, du ewig jung, Du Götterreich der Tugend Und der Begeisterung! Und sollten wir verderben, Wir wollen für dich werben, Die Zukunft soll dich erben! Das Alter mag im Lehnstuhl ruhn: Doch will Gott uns was Gutes tun, So lass er jung uns sterben!

Prutz, R. E., Gedichte. Neue Sammlung, 1843