Sterben Sprüche – zeit

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O Gott, wie häßlich bitter ist das Sterben!

Heine, H., Gedichte. Aus: Mein Tag war heiter, glücklich meine Nacht

Mein Tag war heiter, glücklich meine Nacht Mein Tag war heiter, glücklich meine Nacht. Mir jauchzte stets mein Volk, wenn ich die Leier Der Dichtkunst schlug. Mein Lied war Lust und Feuer, Hat manche schöne Gluten angefacht. Noch blüht mein Sommer, dennoch eingebracht Hab ich die Ernte schon in meine Scheuer – Und jetzt soll ich verlassen, was so teuer, So lieb und teuer mir die Welt gemacht! Der Hand entsinkt das Saitenspiel. In Scherben Zerbricht das Glas, das ich so fröhlich eben An meine übermütgen Lippen preßte. O Gott! wie häßlich bitter ist das Sterben! O Gott! wie süß und traulich läßt sich leben In diesem traulich süßen Erdenneste!

Heine, H., Gedichte. Hier: entst. 1854, ersch. im Deutschen Musenalmanach 1857

Todesgedanken Ich bin noch nicht gestorben, Und wenn ich einmal sterbe, Dann will man mich begraben, Und dann soll ich vermodern, Und nicht noch einmal tanzen. Jetzt, da ich noch nicht modre, Muß ich noch Rosen pflükken, Weil ich den Duft noch rieche; Jetzt, da ich noch nicht modre, Muß ich noch Mädchens küssen, Weil ich den Kuß noch fühle; Jetzt, da ich noch nicht modre, Muß ich den Wein verbrauchen. Werd ich im Grab auch dursten?

Gleim, J. W. L., Gedichte. Versuch in scherzhaften Liedern und Lieder, 1744. Originaltext

Ich weiß nicht, ob es nothwendig ist, noch beyzufügen, daß ein Mensch in meinem Alter sich oft und gerne wiederholt, und wenn er sich sogar dem Tode nahe fühlt oder gar auf dem Todbette befindet, sich in Gegenständen, die ihm noch vorzüglich am Herzen liegen, nicht genug wiederholen und nicht satt werden kann, davon zu reden, bis sein Athem ihm selber aus geht.

Pestalozzi, Schwanengesang, 1826. Originaltext

Die Menschen taumeln hin zum Schlunde

Hugo, Oden und Balladen (Odes et ballades), 1818-1822, übersetzt von Ludwig Seeger 1860. Der Dichter in Zeiten der Revolution. Erste Ode, 1821. Originaltext der Übersetzung

Jeder stirbt für sich allein.

Fallada, Jeder stirbt für sich allein, 1947

Der Kirche Abendmahl ist nur gebacken Brot, Die letzte Ölung kann nichts ändern an dem Tod.

Lenau, Die Albigenser. Versepos, entstanden 1838/1842

Die menschliche Spezies ist die einzige, die weiß, dass sie sterben muss.

Voltaire, Philosophisches Wörterbuch (Dictionnaire philosophique portatif), 1764

Schlecht wird leben, wer nicht zu sterben weiß.

Seneca, Von der Gemütsruhe (De tranquillitate animi), etwa 53-54 n. Chr. 11. Kapitel. Übers. Internet Originaltext: Male vivet quisquis nesciet bene mori

Wenn man stirbt, hat man ganz andere Dinge zu tun, als an den Tod zu denken.

Svevo, Zenos Gewissen (La coscienza di Zeno), 1923. Übers. Internet.

Sicher ist, dass man sterben muss, unsicher, ob bereits an diesem Tag.

Cicero, Cato der Ältere über das Greisenalter (Cato maior de senectute), 44 v. Chr. Übers. Internet Originaltext: Moriendum enim certe est, et incertum an hoc ipsi die

Mein Buch ist voll, gezählt sind meine Tage.

Byron, Manfred, Dramatisches Gedicht, Erstdruck als »The Prisoner of Chillon«, 1816. 3. Akt, 4. Szene, Manfred

Sterblich ist alles Gut der Sterblichen.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 98. Brief. Seneca zitiert hier Metrodorus. Übers. Internet Originaltext: Mortale est omne mortalium bonum.

Ihr, die ihr leset, wandelt noch unter den Lebenden, ich aber, der ich schreibe, werde lange schon meinen Weg in das Reich der Schatten gegangen sein.

Poe, Gesammelte Werke, 6 Bde., hg. von Franz Blei, München 1922. Bd. I: Schatten, eine Parabel. Übers. Franz Blei

Zur Unzeit stirbt niemand, der als Unglücklicher stirbt.

Publilius Syrus, Sprüche (Sententiae), um 50 v. Chr. Übers. Internet Originaltext: Nemo immature moritur, qui moritur miser

O welch ein Unglück ist es, nicht zu wissen, wie man stirbt!

Seneca, Agamemno (Agamemnon). V. 611. Übers. Internet Originaltext: O quam miserum est nescire mori!

Ist es wirklich Pflicht, ein krankes, schwaches Leben nach Möglichkeit noch zu verlängern? Ist ein schnelles Verflackern nicht besser, wo die Flamme noch bis zuletzt wärmen und leuchten kann, anstatt eines langsamen, trüben Verglimmens?

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Man staunt oft über den lachenden, tanzenden Leichtsinn der Menschen, die es doch alle wissen, dass jeder Schritt sie ganz bestimmt dem Tode entgegenführt!

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Sterben müssen ist Bitterkeit, sterben dürfen Süße.

Seemann, Funken, 1940

Wer weiß es denn, ob einst in lichten Höh'n Wir alle unsre Lieben wiedersehn, Wer weiß es denn, was einst geschieht mit unsrer Aschen? Ich weiß es nicht − ich lass mich überraschen.

Schleich, Aus dem Nachlass, 1927 (EA: 1923)

Und senkst du schon die Fackel, Thanatos? Ich fühle, wie das starke Licht sich neigt. Die Schatten fallen breiter auf den Weg. Die Stille wächst, das große Dunkel steigt.

Keiter, Tröstungen. Gedichte von M. Herbert (Therese Keiter), 1912. aus dem Gedicht "Thanatos"