Wahrheit Sprüche – philosophisch

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Man verwechselt oft die Wahrheit mit der Formlosigkeit und glaubt, namentlich im gesellschaftlichen Verkehr, sich gelegentlich eine kleine Oekonomie der Wahrheit gestatten zu dürfen, um nur ja nicht plump und formlos zu erscheinen.

Amyntor, Für und über die deutschen Frauen, 1883. Originaltext

Sie geben, ach! nicht immer Glut, Der Wahrheit helle Strahlen. Wohl denen, die des Wissens Gut Nicht mit dem Herzen zahlen!

Schiller, F., Gedichte. Aus: Licht und Wärme, Erstdruck 1797

So wie es keine so klare Wahrheit giebt, welche man nicht bestreiten kann, so giebt es auch keine so grobe Lüge, welche man nicht mit einem falschen Grund unterstützen könnte.

Johann Jakob Rousseau’s Philosophische Werke. Erster Band. Übersetzer anonym, Albrecht und Compagnie, Reval und Wesenberg, 1779. Brief an Erzbischof Beaumont vom 18. November 1762. Originaltext

Ich rannte zu meinen Träumen, stolperte über die Wirklichkeit und stieß mir den Kopf an der Wahrheit.

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Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.

Lessing, Über die Wahrheit, 1777. Eine Duplik

Strom der Wahrheit Wenn versunken Licht und Lärmen, Sitz ich bei der Lampe Schimmer Oft im nächtlich stillen Zimmer, Wo Gedanken mich umschwärmen, Auf ein altes Buch gesenkt Meine Stirne ernstbeschwert; Kühlung mir der Nachtwind schenkt Durch das Fenster unverwehrt. Wundersame Lieder sausen Draußen Wind und Wald und Wetter, Und es wehn des Buches Blätter; Welch ein feierliches Brausen! Und ich lausche und ich lausche, An ein Ufer fern entrückt. – Rausche Strom der Wahrheit, rausche! Meine Seele lauscht entzückt.

Wille, B., Gedichte. Einsiedler und Genosse, 1894. Der Einsiedler

Sie [die Wahrheit] ist ein gefährlich Ding: jedoch kann der rechtliche Mann nicht unterlassen sie zu sagen.

Gracián, Handorakel und die Kunst der Weltklugheit (Oráculo manual y arte de prudencia), 1647. Erste deutsche Übersetzung 1711. Hier in der Übersetzung von Arthur Schopenhauer 1828-32, Erstdruck 1871. [210.]

Laß mich dir so erzählen, wie ich es heute vermag, Ereignisse, Menschen, Gespräche so wiedergeben, wie sie in mir lebendig sind, durch ein langes Leben nicht verwaschen, sondern … von allen entfernenden Nebeln erlöst. Laß mich dir das Vergangene als Wahrheit geben, meine Wahrheit, … und wenn diese Wahrheit der Wirklichkeit nicht immer entsprechen [sollte] …, so darf ich wohl sagen, daß meine Wahrheit auch Wirklichkeit ist, Wirklichkeit in einem höhern, aus der Kenntnis innerer Zusammenhänge geschöpften Verstand.

Waser, Wir Narren von gestern, 1922

Der Wahrheit, die der Lüge Antlitz trägt Soll, wenn es möglich, man die Lippen schließen, Denn unverschuldet bringt sie uns Beschämung.

Dante Alighieri, Die göttliche Komödie (La Divina Commedia), entstanden ca. 1307-1321; Erstdruck 1472. Die Hölle. 16. Gesang

Ist Wahrheit das, was für alle gilt, – oder das, was für alle zu gelten hat?

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Die Liebe zur Wahrheit fordert als unerläßliche Pflicht unbestechliche Gerechtigkeit [...].

Grimm, Paris zündet die Lichter an. Literarische Korrespondenz (Correspondance littéraire, philosophique et critique), hg. von Kurt Schnelle, übersetzt von Herbert Kühn, Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 1977. 1.11.1753. Originaltext der Übersetzung

Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, dass Wahrheit mehr wert ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene Annahme, die es in der Welt gibt.

Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886. Zweites Hauptstück. Der freie Geist

Ich muß dahinter kommen, wer recht hat, die Gesellschaft oder ich.

Ibsen, Nora oder Ein Puppenheim (Et dukkehjem), 1879. Originaltext der Übersetzung

Es ist eine Pflicht, die Wahrheit zu sagen. Der Begriff von Pflicht ist unzertrennbar von dem Begriff des Rechts. Eine Pflicht ist, was bei einem Wesen den Rechten eines anderen entspricht. Da, wo es keine Rechte gibt, gibt es keine Pflichten. Die Wahrheit zu sagen, ist also eine Pflicht; aber nur gegen denjenigen, welcher ein Recht auf die Wahrheit hat. Kein Mensch aber hat Recht auf eine Wahrheit, die anderen schadet.

Frankreich im Jahr 1797, Sechstes Stück, Nr. I: Von den politischen Gegenwirkungen. Zitiert von Kant in: Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen, 1797

Jeder kräht auf seinem Mist, weiß genau, was Wahrheit ist.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Aus: An das Baby, in: Die Weltbühne, 27.10.1931, Nr. 43 (Theobald Tiger), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Das gemeinsame Schicksal jeder neu auftauchenden Wahrheit ist, zu erschrecken statt zu gefallen, zu verletzen statt zu überzeugen, denn sie erhebt sich um desto kräftiger als sie lange unterdrückt worden.

Napoleon III., Napoleonische Gedanken (Idées Napoléoniennes) 1839, übersetzt von August Victor Richard 1857

Der Wahrheit dienen wenige in Wahrheit, weil nur wenige den reinen Willen haben gerecht zu sein und selbst von diesen wieder die wenigsten die Kraft, gerecht sein zu können.

Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen, 1873-76. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874

Wahrheit muß es doch wohl geben. Wir hätten sie nicht erfunden.

Sylva, Vom Amboß, 1890

Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet, Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born.

Schiller, F., Gedichte. Aus: Das Ideal und das Leben, 1795 (unter dem Titel »Das Reich der Schatten«, später auch unter dem Titel »Das Reich der Formen«)

Die Sorge um die äußere Wahrheit kennzeichnet unsern heutigen Tiefstand.

Flaubert, Die Schule der Empfindsamkeit (L'éducation sentimentale), 1869

Die Wahrheit ist einfach und natürlich; das große Geheimnis ist, sie zu finden.

Souvré/Sablé, Maximes et Pensées Diverses, imprimé chez Sebastien Mabre-Cramoisy, Paris 1678. Originaltext: La verité est simple et naturelle: le grand secret est de la trouver.