Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Gewiß, wir machen viel zu viel vorarbeitenden Aufwand aufs Leben. Anstatt, daß wir gleich anfingen, uns in einem mäßigen Zustand behaglich zu finden, so gehen wir immer mehr ins Breite, um es uns immer unbequemer zu machen.

Goethe, Die Wahlverwandtschaften, 1809. 2. Teil, 10. Kap., Eduard zu Charlotte und Ottilie

Zum Leben braucht's nicht just, daß man so tapfer ist, Man kömmt auch durch die Welt mit Schleichen und mit List.

Goethe, Die Mitschuldigen, entstanden 1768/69. 1. Szene, Söller mit sich allein

Und hättest du den Ozean durchschwommen, Das Grenzenlose dort geschaut, So sähst du dort doch Well auf Welle kommen, Selbst wenn es dir vorm Untergange graut. Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne Gestillter Meere streichende Delphine; Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne; Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne, Den Schritt nicht hören, den du tust, Nichts Festes finden, wo du ruhst.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 1. Akt, Finstere Galerie, Mephistopheles zu Faust

Das Leben lehrt jedem, was er sei.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 2. Akt, 3. Szene, Antonio zu Tasso

Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 1. Akt, Kaiserliche Pfalz, Mephistopheles zum Kaiser

Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese, aus: Der Bräutigam

Und allen wuchs die Kühnheit nicht gering; Denn leben hieß sich wehren.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 4. Akt, Hochgebirg, Mephistopheles zu Faust

Alles ist aus dem Wasser entsprungen!! Alles wird durch das Wasser erhalten! Ozean, gönn uns dein ewiges Walten.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 2. Akt, Felsbuchten des ägäischen Meers, Thales zu Nereus

Das Interim Hat den Schalk hinter ihm. Wieviel Schälke muß es geben, Da wir alle ad interim leben.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Sprichwörtlich

Freuet euch des wahren Scheins, Euch des ernsten Spieles: Kein Lebendiges ist ein Eins, Immer ist's ein Vieles.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Gott und Welt. Aus >Epirrhema<

Die Angelegenheiten unseres Lebens haben einen geheimnisvollen Gang, der sich nicht berechnen läßt.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 2. Buch, 11. Kap.

Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt, dem begegnet freilich nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber doch das Analoge und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 3. Buch, 18. Kap. Aus Makariens Archiv

Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesät und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben.

Goethe, J. W., Briefe. An Auguste Gräfin zu Bernstorff-Stolberg, 17. April 1823

Willst du dir ein gut Leben zimmern, Mußt ums Vergang'ne dich nicht bekümmern.

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. Zahme Xenien, Kap. 8, Axiom

Wenn man aber weiter nichts vom Leben hätte, als was unsere Biographen und Lexikonschreiber von uns sagen, so wäre es ein schlechtes Metier und überall nicht der Mühe wert.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 21. Dezember 1831

Alles Lebendige bildet eine Atmosphäre um sich her.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus den Heften: Zur Naturwissenschaft. 1823, 2. Bandes 1. Heft. Älteres, beinahe Veraltetes

In die Welt hinaus! Außer dem Haus Ist immer das beste Leben; Wem's zu Hause gefällt, Ist nicht für die Welt – Mag er leben!

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. Zahme Xenien. Axiom

Gequält war' er [Faust] sein Leben lang, Da fand er mich auf seinem Gang, Ich macht' ihm deutlich, daß das Leben Zum Leben eigentlich gegeben. Nicht soll in Grillen-Phantasien Und Spintisiererei entfliehen. So lang man lebt, sei man lebendig.

Goethe, Maskenzug. Bey allerhöchster Anwesenheit Ihro Majestät der Kaiserin Mutter Maria Feodorowna in Weimar, Erstdruck 1819. Mephisto

Wenn der Mensch über sein Körperliches und Sittliches nachdenkt, findet er sich gewöhnlich krank. Wir leiden alle am Leben; wer will uns, außer Gott, zur Rechenschaft ziehen?

Goethe, J. W., Gespräche. In einer Logenrede am 15. Juni 1821

Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag, ein letztes Glück und einen letzten Tag.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Sprichwörtlich

… zu einem Tage wo man doch immer eine Art neuen Daseyns beginnt …

Goethe, J. W., Briefe. An Johanna Maria Melber, 19. September 1819