Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Wie viel Nebel sind von meinen Augen gefallen, und doch bist du nicht aus meinem Herzen gewichen, alles belebende Liebe! Die du mit der Wahrheit wohnst, ob sie gleich sagen, du seist lichtscheu und entfliehend im Nebel.

Goethe, J. W., Theoretische Schriften. Aus Goethes Brieftasche. II. Dritte Wallfahrt nach Erwins Grabe im Juli 1775. Vorbereitung

An ein goldnes Herz, das er am Halse trug Angedenken du verklungner Freude, Das ich immer noch am Halse trage, Hältst du länger als das Seelenband uns beide? Verlängerst du der Liebe kurze Tage? Flieh ich, Lili, vor dir! Muß noch an deinem Bande Durch fremde Lande, Durch ferne Täler und Wälder wallen! Ach, Lilis Herz konnte so bald nicht Von meinem Herzen fallen. Wie ein Vogel, der den Faden bricht Und zum Walde kehrt, Er schleppt des Gefängnisses Schmach Noch ein Stückchen des Fadens nach; Er ist der alte freigeborne Vogel nicht, Er hat schon jemand angehört.

Goethe, J. W., Gedichte. Entstanden 1775/76, Erstdruck 1789

Des Menschen größtes Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände soviel als möglich bestimmt und sich so wenig als möglich von ihnen bestimmen läßt.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 6. Buch, Bekenntnisse einer schönen Seele, Oheim zum Ich-Erzähler

Ach es ist unsäglich, wie sich die armen Menschen auf der Erde abquälen!

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Friedrich von Müller, 5. Januar 1831

Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein, Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 2. Buch, 13. Kap., Wilhelm hört Alten singen

Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick!

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 3. Akt, Innerer Burghof, Faust zu Helena

Elender ist nichts als der behagliche Mensch ohne Arbeit!

Goethe, J. W., Tagebücher. 13. Januar 1779

Was soll ich viel lieben, was soll ich viel hassen? Man lebt nur vom Lebenlassen.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Sprichwörtlich

Früchte bringet das Leben dem Mann; doch hangen sie selten Rot und lustig am Zweig, wie uns ein Apfel begrüßt.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827,Vier Jahreszeiten. Herbst

In des Papillons Gestalt Flattr' ich, nach den letzten Zügen, Zu den vielgeliebten Stellen, Zeugen himmlischer Vergnügen, Über Wiesen, an die Quellen, Um den Hügel, durch den Wald.

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. Neue Lieder, hier aus: Der Schmetterling

Nach ewigen, ehrnen, Großen Gesetzen Müssen wir alle Unseres Daseins Kreise vollenden.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Aus: Das Göttliche

Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht offenbaren; es gibt Steine des Anstoßes, über die ein jeder Wanderer stolpern muß. Der Poet aber deutet auf die Stelle hin.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, 1829, Aus Makariens Archiv

Man weiß erst, daß man ist, wenn man sich in anderen wiederfindet.

Goethe, J. W., Briefe. An Auguste Gräfin zu Stolberg, 13. Februar 1775

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsobald und fort und fort gediehen Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, So sagten schon Sibyllen, so Propheten; Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Goethe, J. W., Theoretische Schriften. Urworte. Orphisch. Dämon

Und so ist mir das Dasein eine Last, Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.

Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Studierzimmer, Faust zu Mephistopheles

Hast du es so lange wie ich getrieben, Versuche wie ich das Leben zu lieben.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Zahme Xenien 1

Das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor und zwei zurück tun muß.

Goethe, J. W., Briefe. An Johann Heinrich Meyer, 28. April 1797

Aus Verbindungen, die nicht bis ins Innerste der Existenz geh'n, kann nichts Kluges werden.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 12. Juli 1786

Der Mensch mag sich wenden, wohin er will, stets wird er auf jenen Weg wieder zurückkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet hat.

Goethe, J. W., Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1811, 1. Teil, 4. Buch

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehen, sich ihrer entladen; Jenes bedrängt, dieses erfrischt; So wunderbar ist das Leben gemischt. Du danke Gott, wenn er dich preßt, Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, 1814-1819. Buch des Sängers

Man kann nicht für jedermann leben, besonders für die nicht, mit denen man nicht leben möchte.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 4. Bandes 2. Heft, 1823