Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen sind; auch der Entfernte, der Abgeschiedne lebt uns. Ich lebe dir, und habe mir genug gelebt.

Goethe, Egmont, 1788. 5. Akt, Egmont zu Ferdinand

Lebe wohl, Du Einzige, in die ich nichts zu legen brauche, um alles in Dir zu finden.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 21. März 1782

Geheimnis Über meines Liebchens Äugeln Stehn verwundert alle Leute; Ich, der Wissende, dagegen Weiß recht gut, was das bedeute. Denn es heißt: ich liebe diesen, Und nicht etwa den und jenen. Lasset nur, ihr guten Leute, Euer Wundern, euer Sehnen! Ja, mit ungeheuren Mächten Blicket sie wohl in die Runde; Doch sie sucht nur zu verkünden Ihm die nächste süße Stunde.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, 1814-1819. Buch der Liebe

Wahrhaft Liebende betrachten alles, was sie bisher empfunden, nur als Vorbereitung zu ihrem gegenwärtigen Glück.

Goethe, J. W., Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1811, 4. Teil, 19. Buch

Willst du mit reinem Gefühl der Liebe Freuden genießen, O laß Frechheit und Ernst ferne vom Herzen dir sein.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Epigramme. Venedig, 1790

Ein Schauspiel für Götter, Zween Liebende zu sehn! Das liebste Frühlingswetter Ist nicht so warm, so schön.

Goethe, Erwin und Elmire, 1774/75. Bernardo

Sage mir, Was mein Herz begehrt? Mein Herz ist bei dir. Halt es wert.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, entst. 1814-1819, Erstdruck Cotta, Stuttgart u. Tübingen 1819. Uschk Nameh. Buch der Liebe

Was hilft all das Kreuzigen und Segnen der Liebe, wenn sie nicht tätig wird. Führe mich auf alles, was dir gefallen kann, ich bitte dich, denn ich fühl's nicht immer.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 10. Dezember 1781

Uneigennützig zu sein in allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime.

Goethe, J. W., Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1811, 3. Teil, 14. Buch

Man war ein ganz anderer Mensch, nur zuzuseh'n, wie sie sich liebten.

Goethe, Stella, 1775. 1. Akt, Postmeisterin zu Madame Sommer und Lucie

Verwaiste Liebe Ihr verblühet, süße Rosen, Meine Liebe trug euch nicht; Blühtet, ach, dem Hoffnungslosen, Dem der Gram die Seele bricht! Jener Tage denk' ich trauernd, Als ich, Engel, an dir hing, Auf das erste Knöspchen lauernd Früh zu meinem Garten ging; Alle Blüten, alle Früchte Noch zu deinen Füßen trug, Und vor deinem Angesichte Hoffnung in dem Herzen schlug. Ihr verblühet, süße Rosen, Meine Liebe trug euch nicht; Blühtet, ach, dem Hoffnungslosen, Dem der Gram die Seele bricht!

Goethe, J. W., Briefe. An Johann Georg Jacobi, 28. Januar 1775

Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen, Wenn es euch nicht von Herzen geht.

Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Nacht. Faust zu Wagner

Denn der Ewge herrscht auf Erden, Über Meere herrscht sein Blick; Löwen sollen Lämmer werden, Und die Welle schwankt zurück. Blankes Schwert erstarrt im Hiebe, Glaub und Hoffnung sind erfüllt; Wundertätig ist die Liebe, Die sich im Gebet enthüllt.

Goethe, J. W., Erzählungen. Novelle, in: Werke, Ausgabe letzter Hand, Cotta, Stuttgart 1828

Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten der Liebe vergehen.

Goethe, Hermann und Dorothea. Versepos, 1797. Terpsichore. Hermann. Vater zu Frau und Sohn H.

Man lernt nichts kennen, als was man liebt, und je tiefer und vollständiger die Kenntnis werden soll, desto stärker, kräftiger und lebendiger muß Liebe, ja Leidenschaft sein.

Goethe, J. W., Briefe. An Friedrich Heinrich Jacobi, 10. Mai 1812

Es ist mir in deiner Liebe, als wenn ich nicht mehr in Zelten und Hütten wohnte, als ob ich ein wohlgegründetes Haus zum Geschenk erhalten hätte, drinne zu leben und zu sterben und alle meine Besitztümer drinne zu bewahren.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 11. Februar 1782

Es ist in der Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das der Liebe und Leidenschaft fähig ist.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 8. Buch, 7. Kapitel, Jarno

Wie eine süße Melodie uns in die Höhe hebt, unsern Sorgen und Schmerzen eine weiche Wolke unterbaut, so ist mir dein Wesen und deine Liebe.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 25. August 1782

Die Wächter sind gebändiget Durch süße Liebestaten; Doch wie wir uns verständiget Das wollen wir verraten; Denn, Liebchen, was uns Glück gebracht, Das muß auch andern nutzen; So wollen wir der Liebesnacht Die düstern Lampen putzen. Und wer sodann mit uns erreicht, Das Ohr recht abzufeimen, Und liebt wie wir, dem wird es leicht, Den rechten Sinn zu reimen. Ich schickte dir, du schicktest mir, Es war sogleich verstanden: Amarante – Ich sah und brannte. Raute – Wer schaute? Haar vom Tiger – Ein kühner Krieger. Haar der Gazelle – An welcher Stelle? Büschel von Haaren – Du sollsts erfahren. Kreide – Meide. Stroh – Ich brenne lichterloh. Trauben – Wills erlauben. Korallen – Kannst mir gefallen. Mandelkern – Sehr gern. Rüben – Willst mich betrüben. Karotten – Willst meiner spotten. Zwiebeln – Was willst du grübeln? Trauben, die weißen – Was soll das heißen? Trauben, die blauen – Soll ich vertrauen? Quecken – Du willst mich necken. Nelken – Soll ich verwelken? Narzissen – Du mußt es wissen. Veilchen – Wart ein Weilchen. Kirschen – Willst mich zerknirschen. Feder vom Raben – Ich muß dich haben. Vom Papageien – Mußt mich befreien. Maronen – Wo wollen wir wohnen? Blei – Ich bin dabei. Rosenfarb – Die Freude starb. Seide – Ich leide. Bohnen – Will dich schonen. Majoran – Geht mich nichts an. Blau – Nimms nicht genau. Traube – Ich glaube. Beeren – Wills verwehren. Feigen – Kannst du schweigen? Gold – Ich bin dir hold. Leder – Gebrauch die Feder. Papier – So bin ich dir. Maßlieben – Schreib nach Belieben. Nachtviolen – Ich laß es holen. Ein Faden – Bist eingeladen. Ein Zweig – Mach keinen Streich. Strauß – Ich bin zu Haus. Winden – Wirst mich finden. Myrten – Will dich bewirten. Jasmin – Nimm mich hin. Melissen – Stroh* * * auf einem Kissen. Zypressen – Will's vergessen. Bohnenblüte – Du falsch Gemüte. Kalk – Bist ein Schalk. Kohlen – Mag der * * * dich holen. Und hätte mit Boteinah so Nicht Dschemil sich verstanden, Wie wäre denn so frisch und froh Ihr Name noch vorhanden?

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, 1814 - 1819. Noten und Abhandlungenzu besserem Verständnis des west-östlichen Divan. Blumen- und Zeichenwechsel

Salz und Wasser kühlt Nicht, wo Jugend fühlt; Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Balladen. Aus >Die Braut von Korinth<

Hatem Nicht Gelegenheit macht Diebe, Sie ist selbst der größte Dieb; Denn sie stahl den Rest der Liebe, Die mir noch im Herzen blieb. Dir hat sie ihn übergeben, Meines Lebens Vollgewinn, Daß ich nun, verarmt, mein Leben Nur von dir gewärtig bin. Doch ich fühle schon Erbarmen Im Karfunkel deines Blicks Und erfreu in deinen Armen Mich erneuerten Geschicks.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, entst. 1814-1819, Erstdruck Cotta, Stuttgart u. Tübingen 1819. Buch Suleika