Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Das Plagen ist der Sommerregen der Liebe.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 22. Juni 1776

Den Geschenken der Liebe gibt die Freiwilligkeit all den Wert.

Goethe, J. W., Briefe. An Kestner, 1773

Du kühlst den brennenden Durst meines Busens, Lieblicher Morgenwind! Ruft drein die Nachtigall liebend nach mir aus dem Nebeltal.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Vermischte Gedichte, aus: Ganymed

Ist je ein Paar alleine, ist Amor niemals weit.

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. Annette, aus: Kunst, die Spröden zu fangen. 2. Erzählung

Erringen will der Mensch, er will nicht sicher sein.

Goethe, Die Laune des Verliebten, entstanden 1767/68, Erstdruck 1806. 2. Szene, Egle zu Amine

Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte Zu bleiben und im Stillen fort zu wirken, Als das Geheimnis einer edlen Liebe, Dem holden Lied bescheiden anvertraut?

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 2. Akt, 1. Szene, Tasso zur Prinzessin

Pilgers Morgenlied Morgennebel, Lila, Hüllen deinen Turn um. Soll ich ihn zum Letzten Mal nicht seh'n! Doch mir schweben Tausend Bilder Seliger Erinnerung Heilig warm ums Herz. Wie er so stand, Zeuge meiner Wonne, Als zum ersten Mal Du dem Fremdling Ängstlich liebevoll Begegnetest Und mit einem Mal Ew'ge Flammen In die Seel' ihm warfst! – Zische, Nord, Tausend-schlangenzüngig Mir ums Haupt! Beugen sollst du's nicht! Beugen magst du Kind'scher Zweige Haupt, Von der Sonne Muttergegenwart geschieden. Allgegenwärt'ge Liebe! Durchglühst mich, Beutst dem Wetter die Stirn, Gefahren die Brust, Hast mir gegossen Ins früh welkende Herz Doppeltes Leben, Freude, zu leben, Und Mut!

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese

Rastlose Liebe Dem Schnee, dem Regen, Dem Wind entgegen, Im Dampf der Klüfte, Durch Nebeldüfte, Immer zu! Immer zu! Ohne Rast und Ruh'! Lieber durch Leiden Möcht' ich mich schlagen, Als so viel Freuden Des Lebens ertragen. Alle das Neigen Von Herzen zu Herzen, Ach wie so eigen Schaffet das Schmerzen! Wie soll ich fliehen? Wälderwärts ziehen? Alles vergebens! Krone des Lebens, Glück ohne Ruh', Liebe, bist Du!

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Lieder

Willkommen und Abschied Es schlug das Herz geschwind zu Pferde! Und fort! Wild, wie ein Held zur Schlacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; Schon stand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhügel Schien kläglich aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer; Noch tausendfacher war mein Mut: Mein Geist war ein verzehrend Feuer, Mein ganzes Herz zerfloß in Glut. Dich sah ich, und die milde Freude Floß aus dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich. Ein rosafarb'nes Frühlingswetter Lag auf dem lieblichen Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht! Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe! Aus deinen Blicken sprach dein Herz. In deinen Küssen welche Liebe! O welche Wonne, welcher Schmerz! Du gingst, ich stand und sah zur Erden Und sah dir nach mit nassem Blick; Und doch, welch' Glück geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch' ein Glück!

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese, An Friederike Brion

Aber ganz abscheulich ist's, auf dem Wege der Liebe Schlangen zu fürchten und Gift unter den Rosen der Lust, Wenn im schönsten Moment der hin sich gebenden Freude Deinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Elegien 1

In der Ferne fühlt sich die Macht, wenn zwei sich redlich lieben.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827. Balladen, aus: Das Blümlein Wunderschön (Lied des gefang'nen Grafen)

Es ist eine unaussprechliche Glückseligkeit, wenn Gesinnungen und Empfindungen zwischen zwei Wesen wechseln, ohne irgend anzustoßen.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 14. Juli 1782

Ach, zwei liebende Herzen, sie sind wie zwei Magnetuhren: Was in der einen sich regt, muß auch die andere mitbewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt,eineKraft, die sie durchgeht.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 1. Buch, 17. Kap.

Warum gabst du uns die tiefen Blicke, Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun, Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke Wähnend selig nimmer hinzutraun? Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle, Uns einander in das Herz zu sehn, Um durch all die seltenen Gewühle Unser wahr Verhältnis auszuspähn? Ach, so viele tausend Menschen kennen, Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz, Schweben zwecklos hin und her und rennen Hoffnungslos in unverseh'nem Schmerz; Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden Unerwart'te Morgenröte tagt. Nur uns armen liebevollen beiden Ist das wechselseit'ge Glück versagt, Uns zu lieben, ohn' uns zu verstehen, In dem andern sehn, was er nie war, Immer frisch auf Traumglück auszugehen Und zu schwanken auch in Traumgefahr. Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt! Glücklich, dem die Ahndung eitel wär! Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt Traum und Ahndung leider uns noch mehr. Sag, was will das Schicksal uns bereiten? Sag, wie band es uns so rein genau? Ach, du warst in abgelebten Zeiten Meine Schwester oder meine Frau. Kanntest jeden Zug in meinem Wesen, Spähtest, wie die reinste Nerve klingt, Konntest mich miteinemBlicke lesen, Den so schwer ein sterblich Aug' durchdringt; Tropftest Mäßigung dem heißen Blute, Richtetest den wilden, irren Lauf, Und in deinen Engelsarmen ruhte Die zerstörte Brust sich wieder auf; Hieltest zauberleicht ihn angebunden Und vergaukeltest ihm manchen Tag. Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden, Da er dankbar dir zu Füßen lag, Fühlt' sein Herz an deinem Herzen schwellen, Fühlte sich in deinem Auge gut, Alle seine Sinnen sich erhellen Und beruhigen sein brausend Blut! Und von allem dem schwebt ein Erinnern Nur noch um das ungewisse Herz, Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern, Und der neue Zustand wird ihm Schmerz. Und wir scheinen uns nur halb beseelet, Dämmernd ist um uns der hellste Tag. Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet, Uns doch nicht verändern mag!

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. An Charlotte von Stein, hier 1776, Erstdruck 1848

An vollen Büschelzweigen, Geliebte, sieh nur hin! Laß dir die Früchte zeigen, Umschalet stachlig grün. Sie hängen längst geballet, Still, unbekannt mit sich; Ein Ast, der schaukelnd wallet, Wiegt sie geduldiglich. Doch immer reift von innen Und schwillt der braune Kern; Er möchte Luft gewinnen Und säh die Sonne gern. Die Schale platzt, und nieder Macht er sich freudig los; So fallen meine Lieder Gehäuft in deinen Schoß.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, entst. 1814-1819, Erstdruck Cotta, Stuttgart u. Tübingen 1819. Buch Suleika

Ach, wer heilet die Schmerzen Des, dem Balsam zu Gift ward? Der sich Menschenhaß Aus der Fülle der Liebe trank? Erst verachtet, nun ein Verächter, Zehrt er heimlich auf Seinen eignen Wert In ungnügender Selbstsucht.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Vermischte Gedichte. Aus >Harzreise im Winter<, entst. 1777, Erstdruck 1789

Mit einem gemalten Band Kleine Blumen, kleine Blätter Streuen mir mit leichter Hand Gute junge Frühlingsgötter Tändelnd auf ein luftig Band. Zephir, nimms auf deine Flügel, Schlings um meiner Liebsten Kleid; Und so tritt sie vor den Spiegel All in ihrer Munterkeit. Sieht mit Rosen sich umgeben, Selbst wie eine Rose jung. Einen Blick, geliebtes Leben! Und ich bin belohnt genug. Fühle, was dies Herz empfindet, Reiche frei mir deine Hand, Und das Band, das uns verbindet, Sei kein schwaches Rosenband!

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Lieder

Er hielt sie fest und drückte sie an sich. Erst auf einem Rasenabhang ließ er sie nieder, nicht ohne Bewegung und Verwirrung.

Goethe, Die Wahlverwandtschaften, 1809. 1. Teil, 12. Kap.

Sie haben wegen der Trunkenheit Sie haben wegen der Trunkenheit Vielfältig uns verklagt Und haben von unsrer Trunkenheit Lange nicht genug gesagt. Gewöhnlich der Betrunkenheit Erliegt man, bis es tagt; Doch hat mich meine Betrunkenheit In der Nacht umhergejagt. Es ist die Liebestrunkenheit, Die mich erbärmlich plagt, Von Tag zu Nacht, von Nacht zu Tag In meinem Herzen zagt. Dem Herzen, das in Trunkenheit Der Lieder schwillt und ragt, Daß keine nüchterne Trunkenheit Sich gleich zu heben wagt. Lieb-, Lied- und Weinestrunkenheit, Ob's nachtet oder tagt, Die göttlichste Betrunkenheit, Die mich entzückt und plagt.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, entst. 1814-1819, Erstdruck Cotta, Stuttgart u. Tübingen 1819. Das Schenkenbuch

Zu der Zeit liebt sich's am besten, wenn man noch denkt, dass man allein liebt und noch kein Mensch so geliebt hat und lieben werde.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Friedrich Wilhelm Riemer, 27. Juni 1811

… und wenn ich dich lieb habe, was geht's dich an?

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 4. Buch, 9. Kapitel, Philine zu Wilhelm