Lucius Annaeus Seneca
Im Leben gibt es angenehme und unangenehme Dinge. Beides liegt außerhalb unseres Einflusses.
Alle Dinge aber, die wir beklagen und vor denen wir uns entsetzen, sind Tributzahlungen an das Leben.
Wenn auch das Glück viele von Strafe befreit, von der Furcht befreit es niemanden.
Was zwischen dem ersten Tag des Lebens und dem letzten liegt, ist wechselvoll und ungewiss.
Es lebt, wer verletzbar ist.
Der größte Fehler des Lebens ist es, dass es stets unvollkommen ist.
Lebt froh, solange das Schicksal es zulässt!
Ich habe angefangen, mir selbst ein Freund zu sein. – Damit ist schon viel gewonnen, denn man kann dann niemals mehr einsam sein. Wisse auch, daß ein solcher Mensch allen ein rechter Freund sein wird.
Immer glücklich zu sein und ohne jede Gemütstrübung das Leben zu durchwandern, heißt nur die eine Seite der Natur kennen.
Wähle dir zum Bundesgenossen einen Mann, den du mehr bewunderst, wenn du ihn siehst als wenn du ihn hörst.
Keinen stellen glückliche Umstände so hoch, dass er nicht um so mehr einen Freund brauchte, weil er sonst alles genug hat.
Nichts aber erfreut die Seele so wie eine treue und liebevolle Freundschaft.
Ist eine Freundschaft geschlossen, muss man vertrauen; vor dem Freundschaftsschluss dagegen muss man sein Urteil fällen.
Bedenke lange, ob du dir jemanden zum Freund machen darfst.
Der Freundschaft entzieht ihre Größe, wer sie allein für günstige Gelegenheiten schließt.
Früher verlangte man nach Freundschaft, heute ist man auf Beute aus.
Mir ist der Gedanke an verstorbene Freunde süß und verlockend: Ich habe jene nämlich gehabt, obwohl ich im Begriff stand, sie zu verlieren, und ich habe sie verloren und habe ich sie gleichsam noch immer.
Ich habe begonnen, mir ein Freund zu sein.
Der Weg zum Gipfel äußerer Ehre ist voller Steingeröll. Aber wenn du dich entschließt der Weisheit Höhe zu erreichen, vor der selbst das Schicksal sich beugen muss, so wirst du zwar alles, was als Erhabenstes gilt, unter dir schauen, aber gleichwohl auf hemmungsloser Bahn zum Höchsten gelangen.
Die Wirkung der Weisheit ist eine sich gleich bleibende Freude.
Was sollte mich aber zu der Annahme nötigen, es könne niemand zur Weisheit gelangen, der die Buchstaben nicht kenne? Liegt doch die Weisheit nicht in den Buchstaben.