Lucius Annaeus Seneca

258 Sprüche

Das Niedrigste tauscht die unstete Zeit mit dem Höchsten.

Seneca, Thyestes. V. 598. Übers. Internet Originaltext: Ima permutat levis hora summis

Bist du weise, so mischst du das eine mit dem anderen und wirst weder hoffen ohne zu zweifeln, noch verzweifeln ohne zu hoffen.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 104. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924) Originaltext: Si sapis, alterum alteri misce: nec speraveris sine desperatione nec desperaveris sine spe

Wem Unverhofftes zuteil ward, den treibt sein Hoffen bis zur Unverschämtheit.

Seneca, Von der Gnade. An den Kaiser Nero (De Clementia), alternative deutsche Titel hierfür auch "Über die Milde" und "Über die Güte". I, 1. Übersetzt von J. M. Moser (1828) Originaltext: Spes inprobissimas conplectuntur insperata adsecuti

Wer sein Leben von der Hoffnung abhängig macht, dem entschlüpft immer die ihm zunächst liegende Zeit, und es tritt eine Art Heißhunger ein und die unseligste Furcht, die alles zur Hölle macht, die Todesfurcht.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 101. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924) Originaltext: In spem viventibus proximum quodque tempus elabitur, subitque aviditas et miserrimus ac miserrima omnia efficiens metus mortis

Ich halte es für eine unmännliche Äußerung, wenn jener Rhodier, den ein Tyrann in einen Käfig einsperren und wie ein wildes Tier füttern ließ [Telesphoros], einem, der ihm riet, sich der Nahrung zu enthalten, die Antwort gab: "Solange der Mensch noch lebt, darf er alles hoffen." Auch angenommen, dies sei wahr, so ist doch das Leben nicht um jeden Preis zu erkaufen.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 70. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924)

Achte nichts für wert, daß du darauf hoffst. Was hat es denn, das deines Wunsches wert wäre?

Seneca, Naturbetrachtungen (Naturales quaestiones), 62-63 n. Chr

Der Hoffnung folgt die Angst.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 5. Brief. Übers. Internet Originaltext: Spem metus sequitur

Wer nichts erhoffen kann, möge an nichts verzweifeln.

Seneca, Medea. V. 163. Übers. Internet Originaltext: Qui nil potest sperare, desperet nihil.

Der Lohn einer guten Handlung liegt darin, daß man sie vollbracht hat. Ich bin dankbar – aber nicht, damit der andere sich von meinem Beispiel angespornt fühlt und sich mir nun besonders gefällig zeigt. Ich will nur eine Tat vollbringen, die sich an Liebenswürdigkeit und Schönheit nicht übertreffen läßt. Ich bin dankbar – aber nicht, weil es vorteilhaft ist, sondern weil es mir Freude macht.

Seneca, Mächtiger als das Schicksal. Ein Brevier, übersetzt von Wolfgang Schumacher 1942. Moralische Briefe an Lucilius

Danke doch lieber für das, was du bekommen hast; auf das andere warte und freue dich, dass du noch nicht alles hast.

Seneca, Vom Zorn oder Über den Zorn (De Ira). III, 31. Übersetzt von Otto Apelt (1923)

Wer sagen kann: »Ich habe gelebt«, der erhebt sich täglich zu neuem Gewinn.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 12. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924) Originaltext: Quisquis dixit »vixi« cotidie ad lucrum surgit

Kann wohl jemand dankbar sein gegen einen Menschen, der eine Wohltat entweder übermütig hingeschleudert, oder ihm im Zorne an den Hals geworfen, oder der den Bitten müde seine Hand aufgetan hat, nur um nicht mehr belästigt zu sein?

Seneca, Von den Wohltaten (De Beneficiis). I, 1. Übersetzt von J. M. Moser (1829) Originaltext: Gratus adversus eum esse quisquam potest, qui beneficium aut superbe abiecit aut iratus inpegit aut fatigatus, ut molestia careret, dedit?

Es sind nicht viele, bei denen die Dankbarkeit länger dauert als die Gabe; häufiger ist's, dass das Geschenkte nicht länger in der Seele bleibt, als im Gebrauch.

Seneca, Von den Wohltaten (De Beneficiis). I, 12. Übersetzt von J. M. Moser (1829). Originaltext: Apud paucos post rem manet gratia; plures sunt, apud quos non diutius in animo sunt donata quam in usu

Einen dankbaren Menschen erfreut die empfangene Wohltat immer, einen undankbaren nur einmal.

Internet

Der ist der Glücklichste und der unbedingt sichere Herr seiner selbst, der dem morgenden Tag ohne Bangen entgegensieht.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 12. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924) Originaltext: Ille beatissimus est et securus sui possessor qui crastinum sine sollicitudine expectat

Es lohnt sich, auch die Undankbaren zu prüfen, um einen Dankbaren zu finden.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 81. Brief. Übers. Internet Originaltext: Est tanti, ut gratum invenias, experiri et ingratos.

Undankbar ist, wer eine Wohltat ohne Zinsen erwidert.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 81. Brief. Übers. Internet Originaltext: Ingratus est qui beneficium reddit sine usura.

Ich bin dankbar, nicht weil es nützt, sondern weil es Vergnügen bereitet.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 81. Brief. Übers. Internet Originaltext: Gratus sum non quia expedit, sed quia iuvat.

Niemals wirst du dankbar sein, wenn du es nicht sofort bist.

Seneca, Von den Wohltaten (De Beneficiis). II, 35. Übers. Internet Originaltext: Numquam eris gratum, nisi statim es

Bisweilen kann man Erhaltenes nicht nur zurückgeben, sondern auch wegwerfen.

Seneca, Von den Wohltaten (De Beneficiis). I, 11. Übers. Internet Originaltext: Interim non reddere tantum libet, quod acceperis, sed abicere

Wir sind zur Gemeinschaft geboren. Unsere gesellige Zusammengehörigkeit hat große Ähnlichkeit mit einem Steingewölbe, das einstürzen würde, wenn die Steine nicht durch ihre gegenseitige Lage dies verhinderten und eben dadurch den Bau haltbar machten.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 95. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924)