Lucius Annaeus Seneca

258 Sprüche

Des Fatums boshaftes und ewiges Gesetz ist es in allen Dingen, daß sie, wenn sie den Gipfelpunkt erreicht haben, schneller, als sie aufstiegen, wieder zur Tiefe stürzen.

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Wir alle, ohne Unterschied, leben in einer Art Gefangenschaft, und angebunden sind auch die, die uns angebunden haben, du müsstest denn die Kette an der Linken für leichter halten. Den einen fesseln Ehrenstellen, den anderen Reichtum; einige leiden unter ihrer vornehmen Geburt, andere unter dem Gegenteil; manche müssen sich fremde Herrschsucht gefallen lassen, manche hinwiederum sind Opfer der eigenen.

Seneca, Von der Gemütsruhe (De tranquillitate animi), etwa 53-54 n. Chr. 10. Kapitel. Übersetzt von Otto Apelt, 1923

Der Geist zürnt dem Schickal, weil er den Erfolg anderer verabscheut und am eigenen verzweifelt.

Seneca, Von der Gemütsruhe (De tranquillitate animi), etwa 53-54 n. Chr. 2. Kapitel. Übers. Internet Originaltext: Ex hac aversatione alienorum processuum et suorum desperatione obirascens fortunae animus

Was aber gibt es, das nicht das Schicksal nach seinem Willen aus voller Blüte in den Staub werfen könnte?

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 91. Brief. Übers. Internet Originaltext: Quid enim est quod non fortuna, cum voluit, ex florentissimo detrahat?

Das Schicksal muss in seiner ganzen Wucht bedacht werden.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 91. Brief. Übers. Internet Originaltext: In plenum cogitanda fortuna est.

Das Schicksal folgt seinen eigenen Wegen.

Seneca, Trostschrift an Marcia (De Consolatione ad Marciam). 21,6 Übers. Internet Originaltext: Eunt via sua fata

Die Schicksalsgöttinnen vollenden ihr Werk.

Seneca, Trostschrift an Marcia (De Consolatione ad Marciam). 21,6 Übers. Internet Originaltext: Agunt opus suum fata

Ein Unglücklicher werde aus einem Mächtigen, aus einem Unglücklichen ein Mächtiger.

Seneca, Thyestes. V. 35. Übers. Internet Originaltext: Miser ex potente fiat, ex misero potens

Viele haben ihre Bestimmung bereits erfüllt, während sie noch ihr Schicksal fürchten.

Seneca, Oedipus. V. 994-995. Übers. Internet Originaltext: Multi ad fatum venere suum, dum fata timent

Was auch immer das Schicksal in die Höhe gehoben hat, erhebt es, um es fallen zu lassen.

Seneca, Agamemno (Agamemnon). V. 100-101. Übers. Internet Originaltext: Quidquid in altum fortuna tulit, ruitura levat.

Aus der Königsherrschaft in die Sklaverei zu geraten ist schwer.

Seneca, Die Phönizischen Frauen (Phoenissae). V. 598. Übers. Internet Originaltext: In servitutem cadere de regno grave est.

Niemand liebt das Leben so wie einer, der alt wird.

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Das schlimmste Übel ist, ausscheiden aus der Schar der Lebendigen, ehe man stirbt.

Hoddick (Hg.), Aphorismenschatz der Weltliteratur. Weltliche Texte für Rede und Schrift, 1898

Das Alter ist eine unheilbare Krankheit.

Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 108. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924) Originaltext: Senectus enim insanabilis morbus est

Hin geht die Zeit, und verlässt uns, wir mögen noch so sehr um sie geizen. Weder die künftige ist mein, noch die vergangene. Ich schwebe auf einem Punkt der fliehenden Zeit, und Größe ist's, genügsam zu sein.

Seneca, Naturbetrachtungen (Naturales quaestiones), 62-63 n. Chr. VI, 32. Übersetzt von G. H. Moser (1830)

Oft hat ein hochbetagter Greis keinen anderen Beweis für die Länge seines Lebens als die Summe seiner Jahre.

Seneca, Von der Gemütsruhe (De tranquillitate animi), etwa 53-54 n. Chr. 3. Kapitel. Übers. Otto Apelt (1923) Originaltext: Saepe grandis natu senex nullum aliud habet argumentum quo se probet diu vixisse, praeter aetatem

Die grauen Haare und die Runzeln geben dir also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, es habe irgend einer lange gelebt: nicht lange gelebt hat er, er ist nur lange dagewesen.

Seneca, Von der Kürze des Lebens (De Brevitate Vitae), um 49 n. Chr. 7. Kapitel. Übers. Otto Apelt (1923) Originaltext: Non est itaque quod quemquam propter canos aut rugas putes diu vixisse: non ille diu vixit, sed diu fuit

Was man hohes Alter nennt, ist nur der Ablauf weniger Jahre.

Seneca, Trostschrift an Marcia (De Consolatione ad Marciam). 11. Kapitel. Übersetzt von Otto Apelt (1923)

Manch einer meint in seiner Verblendung, es [das Greisenalter] sei eine Klippe; es ist ein Hafenplatz, über den man sich freuen muss.

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Bevor ich ein alter Mann wurde, war ich darauf bedacht, würdig zu leben, jetzt im Alter richtet sich mein Streben darauf, würdig zu sterben.

Seneca, Mächtiger als das Schicksal. Ein Brevier, übersetzt von Wolfgang Schumacher 1942. Moralische Briefe an Lucilius

Selten ist derselbe Mensch glücklich und alt.

(Pseudo-)Seneca, Herkules auf dem Oeta (Hercules Oetaeus), vermutlich nicht von Seneca. V. 643 Originaltext: Rarum est felix idemque senex