Lucius Annaeus Seneca
Des Fatums boshaftes und ewiges Gesetz ist es in allen Dingen, daß sie, wenn sie den Gipfelpunkt erreicht haben, schneller, als sie aufstiegen, wieder zur Tiefe stürzen.
Wir alle, ohne Unterschied, leben in einer Art Gefangenschaft, und angebunden sind auch die, die uns angebunden haben, du müsstest denn die Kette an der Linken für leichter halten. Den einen fesseln Ehrenstellen, den anderen Reichtum; einige leiden unter ihrer vornehmen Geburt, andere unter dem Gegenteil; manche müssen sich fremde Herrschsucht gefallen lassen, manche hinwiederum sind Opfer der eigenen.
Der Geist zürnt dem Schickal, weil er den Erfolg anderer verabscheut und am eigenen verzweifelt.
Was aber gibt es, das nicht das Schicksal nach seinem Willen aus voller Blüte in den Staub werfen könnte?
Das Schicksal muss in seiner ganzen Wucht bedacht werden.
Das Schicksal folgt seinen eigenen Wegen.
Die Schicksalsgöttinnen vollenden ihr Werk.
Ein Unglücklicher werde aus einem Mächtigen, aus einem Unglücklichen ein Mächtiger.
Viele haben ihre Bestimmung bereits erfüllt, während sie noch ihr Schicksal fürchten.
Was auch immer das Schicksal in die Höhe gehoben hat, erhebt es, um es fallen zu lassen.
Aus der Königsherrschaft in die Sklaverei zu geraten ist schwer.
Das schlimmste Übel ist, ausscheiden aus der Schar der Lebendigen, ehe man stirbt.
Das Alter ist eine unheilbare Krankheit.
Hin geht die Zeit, und verlässt uns, wir mögen noch so sehr um sie geizen. Weder die künftige ist mein, noch die vergangene. Ich schwebe auf einem Punkt der fliehenden Zeit, und Größe ist's, genügsam zu sein.
Oft hat ein hochbetagter Greis keinen anderen Beweis für die Länge seines Lebens als die Summe seiner Jahre.
Die grauen Haare und die Runzeln geben dir also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, es habe irgend einer lange gelebt: nicht lange gelebt hat er, er ist nur lange dagewesen.
Was man hohes Alter nennt, ist nur der Ablauf weniger Jahre.
Manch einer meint in seiner Verblendung, es [das Greisenalter] sei eine Klippe; es ist ein Hafenplatz, über den man sich freuen muss.
Bevor ich ein alter Mann wurde, war ich darauf bedacht, würdig zu leben, jetzt im Alter richtet sich mein Streben darauf, würdig zu sterben.
Selten ist derselbe Mensch glücklich und alt.