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26202 Sprüche gefunden

Krieg läßt sich mit Vernunft und gerechtem Gefühl nicht koordinieren. Er braucht einen gesteigerten Zustand des Gefühls, er braucht Enthusiasmus für die eigene Sache und Hass gegen den Gegner. Nun liegt es in der menschlichen Natur, dass sich starke Gefühle nicht ins Unendliche prolongieren lassen, weder ein einem einzelnen Individuum noch in einem Volke, und das weiß die militärische Organisation. Sie benötigt darum eine künstliche Aufstachelung, ein ständiges "doping" der Erregung. …

Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, entstanden im Exil 1939-41, Stockholm 1942 (posthum)

Krieg dem Kriege Sie lagen vier Jahre im Schützengraben. Zeit, große Zeit! Sie froren und waren verlaust und haben daheim eine Frau und zwei kleine Knaben, weit, weit –! Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt. Und keiner, der aufzubegehren wagt. Monat um Monat, Jahr um Jahr ... Und wenn mal einer auf Urlaub war, sah er zu Haus die dicken Bäuche. Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft. Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft: »Krieg! Krieg! Großer Sieg! Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!« Und es starben die andern, die andern, die andern ... Sie sahen die Kameraden fallen. Das war das Schicksal bei fast allen: Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod. Ein kleiner Fleck, schmutzigrot – und man trug sie fort und scharrte sie ein. Wer wird wohl der nächste sein? Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen. Werden die Menschen es niemals lernen? Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt? Wer ist das, der da oben thront, von oben bis unten bespickt mit Orden, und nur immer befiehlt: Morden! Morden! – Blut und zermalmte Knochen und Dreck ... Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck. Der Kapitän hat den Abschied genommen und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen. Ratlos stehen die Feldgrauen da. Für wen das alles? Pro patria? Brüder! Brüder! Schließt die Reihn! Brüder! das darf nicht wieder sein! Geben sie uns den Vernichtungsfrieden, ist das gleiche Los beschieden unsern Söhnen und euern Enkeln. Sollen die wieder blutrot besprenkeln die Ackergräben, das grüne Gras? Brüder! Pfeift den Burschen was! Es darf und soll so nicht weitergehn. Wir haben alle, alle gesehn, wohin ein solcher Wahnsinn führt – Das Feuer brannte, das sie geschürt. Löscht es aus! Die Imperialisten, die da drüben bei jenen nisten, schenken uns wieder Nationalisten. Und nach abermals zwanzig Jahren kommen neue Kanonen gefahren. – Das wäre kein Friede. Das wäre Wahn. Der alte Tanz auf dem alten Vulkan. Du sollst nicht töten! hat einer gesagt. Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt. Will das niemals anders werden? Krieg dem Kriege! Und Friede auf Erden.

Tucholsky, Werke 1907-1935. In: Ulk, 13.06.1919, Nr. 24 (Theobald Tiger)

«Ich weiß nicht [, welche Waffen in einem dritten Weltkrieg zur Anwendung kommen]. Aber ich kann Ihnen sagen, was sie im vierten benutzen werden: Steine.

Einstein, Aus dem Interview »Einstein at Seventy» von Alfred Werner in Liberal Judaism 16 (April-Mai 1949). Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Albert-Einstein-Archivs der Hebräischen Universität Jerusalem

So wie Lissauer waren sie alle. Sie haben ehrlich gefühlt und meinten ehrlich zu handeln, diese Dichter, diese Professoren, diese plötzlichen Patrioten von damals, ich leugne es nicht. Aber schon nach kürzester Zeit wurde erkennbar, welches fürchterliche Unheil sie mit ihrer Lobpreisung des Krieges und ihren Haßorgien anstifteten.

Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, entstanden im Exil 1939-41, Stockholm 1942 (posthum). Über Lissauers berüchtigtes Gedicht: Haßgesang gegen England (1914)

Wo seid ihr nun, Städte, mühsam aufgeschichtet, Häuser, über gähnenden Gassen aufgetürmt, getürmte Kirchen, aufstarrend ins Blau, Paläste, Kuppeln, qualvoll emporgerissen? Und ihr, junge Menschen, gebäumte, aufstürmende Kinder, die leeren Hände steil emporgeworfen, emporgeworfen die heißen, vorzeitigen Gesichter, die schreienden Münder aufgewölbt, wo bist du, beraubte, entwurzelte Jugend mit der großen, rührenden Gebärde ins Leere hinein?

Waser, Wir Narren von gestern, 1922

Das Mörderischste sind nicht die Kanonen, sondern die Ideen.

Rolland, Clerambault. Geschichte eines freien Gewissens im Kriege (Clerambault, histoire d’une conscience libre pendant la guerre), 1920

An Peter Panter Peter Panter, Mitarbeiter! Steig doch auf die hohe Leiter! Singe doch von aktuellen Zeitgenossenzwischenfällen! Laß die Liebe, laß die Damen mit dem freundlich blonden Namen; laß die bunten Busentücher – und vor allem: laß die Bücher! Laß sie Bücher schreiben, drucken – wozu da hinuntergucken! Frisch! hinein ins volle Leben! Aktuell mußt du dich geben! Sieh mich an! Fast jede Woche pfeif ich auf dem Flötenloche: Reichstag, Wahlrecht, Osten, Westen, Presse, Orden, Schweinemästen –! Tanz die nationale Runde! Kennst du das Gebot der Stunde? Höcker macht das viel gewandter, Peter Panter, Peter Panter! Du mußt aktueller schwätzen, und man wird dich höher schätzen! Lerne du im Hurraschrein: man darf nicht beschaulich sein.

Tucholsky, Werke 1907-1935. In: Die Weltbühne, 11.07.1918, Nr. 28 (Theobald Tiger), wieder in: Fromme Gesänge. Aus großer Zeit, 1919

Kann der Vernünftige nachgeben? … Wir könnten es, wenn die Lage eine symmetrische wäre.

Rathenau, Gesammelte Schriften in fünf Bänden, Band 1, Berlin 1918. England und wir. Eine Philippika

Im Schlaf um Mitternacht Von manchem Gesicht in Seelennot, Von dem ersten Blick aus den Augen tödlich Getroffener, Diesem ersten unbeschreiblichen Blick! – Von den Toten, die mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegen, Träume ich, träume ich Im Schlaf um Mitternacht. Von Wäldern, Feldern und Bergen, Von sturmzerrissenen Wolken, Vom Mond, der märchenhell schimmerte, Wo wir die Schanzen und die Schanzkörbe aufwarfen In schweigender Arbeit, Träume ich, träume, träume ... Lange sind sie dahin, Gesichter und Schanzen und Felder, Wo ich im Schlachtgetümmel Mit gelassener Ruhe zu den Verwundeten trat, Und weg von den Toten. Vorwärts eilte ich damals – doch jetzt erscheinen sie wieder zur Nachtzeit, Wenn ich träume, träume, träume ...

Whitman, Grashalme (Leaves of Grass), 1855, endgültige Ausgabe letzter Hand 1891/92, übersetzt von Wilhelm Schölermann 1904

Krieg ist immer Gefängnis!

Gespräch mit Stefan Zweig; zitiert in: Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Entstanden im Exil 1939-1941, posthum erschienen 1942

Man war Schriftsteller, man hatte das Wort und damit die Pflicht, seine Überzeugungen auszudrücken [gegen die Kriegshetze], soweit dies in einer Zeit der Zensur möglich war.

Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, entstanden im Exil 1939-41, Stockholm 1942 (posthum)

Der Krieg ist eine grauenhafte Schlächterei!

Internet

Zweierlei in diesem Kriege hat unsere Enttäuschung rege gemacht: die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen, die sich nach innen als die Wächter der sittlichen Normen gebärden, und die Brutalität im Benehmen der Einzelnen, denen man als Teilnehmer an der höchsten menschlichen Kultur ähnliches nicht zugetraut hat.

Freud, Zeitgemäßes über Krieg und Tod, 1915

Was schmiedst du, Schmied? »Wir schmieden Ketten, Ketten!« Ach, in die Ketten seid ihr selbst geschlagen. Was pflügst du, Bau'r? »Das Feld soll Früchte tragen!« Ja für den Feind die Saat, für dich die Kletten. Was zielst du, Schütze? »Tod dem Hirsch, dem fetten.« Gleich Hirsch und Reh wird man euch selber jagen. Was strickst du, Fischer? »Netz dem Fisch, dem zagen.« Aus eurem Todesnetz wer kann euch retten? Was wiegest du, schlaflose Mutter? »Knaben.« Ja, daß sie wachsen und dem Vaterlande, Im Dienst des Feindes, Wunden schlagen sollen. Was schreibest Dichter du? »In Glutbuchstaben Einschreib' ich mein und meines Volkes Schande, Das seine Freiheit nicht darf denken wollen.«

Rückert, Gedichte. Lyrische Gedichte. Erstes Buch. Vaterland. Erstes Kapitel. Geharnischte Sonette

[Der Krieg] brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum Vorschein, dass die Kulturvölker einander so wenig kennen und verstehen, dass sich das eine mit Hass und Abscheu gegen das andere wenden kann.

Freud, Zeitgemäßes über Krieg und Tod, 1915

Man darf sich natürlich nicht täuschen und glauben, dass Krieg und Niedertracht aufhören können, solang er nicht völlig rein im privaten wie im öffentlichen Leben durchgeführt ist. Die Hunde haben ihre ausgezeichneten Nasen, aber wir Menschen gehen aneinander vorbei und vermögen uns nicht zu erkennen. Wir haben noch eine ganz ungeregelte und wilde Preisbildung für das, was wir wollen, und sind von denen, die uns brauchen, so wenig zu finden wie Bücher ohne Katalog.

Musil, Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches, in: Gesammelte Werke in neun Bänden, 7. Band, hg. von Adolf Frisé, Reinbek 1978

Wildgänse rauschen durch die Nacht Mit schrillem Schrei nach Norden – Unstäte Fahrt! Habt acht, habt acht! Die Welt ist voller Morden. Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt, Graureisige Geschwader! Fahlhelle zuckt, und Schlachtruf gellt, Weit wallt und wogt der Hader. Rausch' zu, fahr' zu, du graues Heer! Rauscht zu, fahrt zu nach Norden! Fahrt ihr nach Süden übers Meer – Was ist aus uns geworden! Wir sind wie ihr ein graues Heer Und fahr'n in Kaisers Namen, Und fahr'n wir ohne Wiederkehr, Rauscht uns im Herbst ein Amen!

Flex, Der Wanderer zwischen beiden Welten. Autobiographie. Ein Kriegserlebnis, 1916

Es wird die Zeit kommen, wo man pathoslos und sachlich einsehen wird, dass es klüger und ökonomischer ist, keine Kriege zu führen.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Das Felderlebnis, in: Die Weltbühne, 17.08.1922, Nr. 33 (Iganz Wrobel).

Die höchste Weisheit der Schöpfung ist vielleicht, daß alles in der Natur seine Feinde hat; dies regt das Leben auf! Sterben ist nur ein scheinbares Aufhören und kömmt beim Ganzen wenig in Betrachtung. Alles, was atmet, und wenn es auch Nestor wird, ist ohnedies in einer kurzen Reihe von Tagen nicht mehr dasselbe.

Heinse, Ardinghello und die glückseligen Inseln, 1787. Originaltext

Wache Das Turmkreuz schrickt ein Stern Der Gaul schnappt Rauch Eisen klirrt verschlafen Nebel streichen Schauer Starren Frösteln Frösteln Streicheln Raunen Du!

Stramm, A., Gedichte. Tropfblut, entstanden zwischen November 1914 und April 1915

Der Narr macht Krieg.

Stauffenberg, Briefe. Stauffenberg an Rudolf Fahrner im April 1939, gemeint ist Hitler. Zit. n. P. Hoffmann, Stauffenberg und der 20. Juli 1944, München 1998