Leben Sprüche – zukunft
328 Sprüche gefunden
Ein Haus mit tausend Zimmer Ein Haus mit tausend Zimmer Ist dieses Erdenhaus, Kaum hat man's halb besehen, So muß man schon hinaus; Der Kastellan, er tut sich verneigen: Er müsse die Räume noch anderen zeigen.
Die Seiltänzer Sie gehen über den gespannten Seilen Und schwanken manchmal fast, als wenn sie fallen. Und ihre Hände schweben über allen, Die flatternd in dem leeren Raum verweilen. Das Haus ist überall von tausend Köpfen, Die wachsen aus den Gurgeln steil, und starren Wo oben hoch die dünnen Seile knarren. Und Stille hört man langsam tröpfeln. Die Tänzer aber gleiten hin geschwinde Wie weiße Vögel, die die Wandrer narren Und oben hoch im leeren Bäume springen. Wesenlos, seltsam, wie sie sich verrenken Und ihre großen Drachenschirme schwingen, Und dünner Beifall klappert auf den Bänken.
Ich stehe wieder auf meiner Zinne über dem rauschenden Brückenbogen; die tüchtigen Holzflöße, Stamm an Stamm, in zwei Gelenken, fahren mit Besonnenheit durch und glücklich hinab; ein Mann versieht das Amt hinreichend, der zweite ist nur wie zur Gesellschaft. Die Scheite Brennholz dilettantisieren hinterdrein; einige kommen auch hinab, wo Gott will, andere werden in Wirbeln umgetrieben, andere interimistisch auf Kies und Sandbank geschoben. Morgen wächst vielleicht das Wasser, hebt sie alle und führt sie meilenweit zu ihrer Bestimmung, zum Feuerherd. Du siehst, daß ich nicht nötig habe, mich mit den Tagesblättern abzugeben, da die vollkommensten Symbole vor meinen eigenen Augen sich eräugnen.
Das ist im Leben häßlich eingerichtet, Daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn, Und was das arme Herz auch sehnt und dichtet, Zum Schlusse kommt das Voneinandergehn. In deinen Augen hab' ich einst gelesen, Es blitzte drin von Lieb' und Glück ein Schein: Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen, Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! – Leid, Neid und Haß, auch ich hab' sie empfunden, Ein sturmgeprüfter müder Wandersmann. Ich träumt' von Frieden dann und stillen Stunden, Da führte mich der Weg zu dir hinan. In deinen Armen wollt' ich ganz genesen, Zum Danke dir mein junges Leben weihn: Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen, Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! – Die Wolken fliehn, der Wind saust durch die Blätter, Ein Regenschauer zieht durch Wald und Feld, Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter, Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt. Doch wend' es sich zum Guten oder Bösen, Du schlanke Maid, in Treuen denk' ich dein! Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen, Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! –
Heil denen, welchen in diesem Leben Augen und Ohren aufgehen und das rechte Verständnis kommt, daß mitten in der Welt der Himmel errungen werden muß, wenn wir die Liebe bewahren, die Welt überwinden, den Himmel jenseits schauen wollen, daß wir Gott hienieden finden, unser Herz seine Herberge werden muß, wenn er droben uns herbergen, unser Teil werden soll in alle Ewigkeit.
Am Morgen Du rechte Morgensonne meines Lebens, O leuchte mir denn heute nicht vergebens, Sei du mein Licht, wenn ich im Dunkeln steh', Umleuchte mich mit Heil und Glanz und Wonne, Daß ich mit Freuden in die Abendsonne Am Ende meiner Erdenwallfahrt seh'.
Es ist nicht Selbstsucht und nicht Eitelkeit, Was sehnend mir das Herz grabüber trägt; Was mir die kühngeschwungne Brücke schlägt, Ist wohl der Stolz, der mich vom Staub befreit. Sie ist so eng, die grüne Erdenzeit, Unendlich aber, was den Geist bewegt! Wie wenig ist's, was ihr im Busen hegt, Da ihr so satt hier, so vergnüglich seid! Und wenn auch einst die Freiheit ist errungen, Die Menschheit hoch wie eine Rose glüht, Ihr tiefster Kelch vom Sonnenlicht durchdrungen: Das Sehnen bleibt, das uns hinüberzieht, Das Nachtigallenlied ist nicht verklungen, Bei dessen Ton die Knospen sind erblüht!
Es freue sich, Wer da atmet im rosigten Licht! Da unten aber ists fürchterlich, Und der Mensch versuche die Götter nicht Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.
Anrede Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und Brand. Durch meiner Seele enge Mulden schießt die Zeit Wie dunkles Wasser, heftig, rasch und unerkannt. Auf meinem Leibe brennt das Mal: Vergänglichkeit. Du aber bist der Spiegel, über dessen Rund Die großen Bäche alles Lebens geh'n, Und hinter dessen quellend gold'nem Grund Die toten Dinge schimmernd aufersteh'n. Mein Bestes glüht und lischt – ein irrer Stern, Der in den Abgrund blauer Sommernächte fällt – Doch deiner Tage Bild ist hoch und fern, Ewiges Zeichen, schützend um dein Schicksal hergestellt.
Drei Tage weiß ich nur als Gestern, Heut und Morgen: Wenn aber Gestern wird ins Heut und Nun verborgen Und Morgen ausgelöscht, so leb ich jenen Tag, Den ich, noch eh ich ward, in Gott zu leben pflag.
Oft schläft, wie edles Samenkorn, Das Herz der Sterblichen in toter Schale, Bis ihre Zeit gekommen ist [...].
Die Winterwasser rauschen, dem Bache muß ich lauschen, der unterm Brückstein quillt; so rauscht das junge Leben und will das Schicksal heben und gurgelt so und schwillt; die Quadern bleiben liegen, das Wasser muß sich schmiegen, und schäumt's auch noch so wild.
Der Schenken Lärm, des Dammes glatter Schlamm, Auf schwarzer Straße blattlos Stamm nach Stamm – Der Omnibus, Orkan aus Eisen, schrillt Heran, von den vier Rädern schief umquirlt, Schmeißt Schmutz und dreht die Augen grün und rot, Arbeiter waten schlüpfrig durch den Kot Und rauchen Polizisten ins Gesicht, Es tropft und trieft und Dach und Asphalt bricht Von Wassern, die der Ausguß rückwärts stieß – Mein Weg! Am Ende liegt das Paradies.
Wer will es wagen, das Werden zu beschreiben? Wer will den Quellen geistigen Lebens und den geheimen Zuflüssen seines Stroms, dem Lauf desselben entlang, nachforschen?
Lied des Dichters Sonnenschein und Blumenbeete, Alle Blüten sind ja dein! Denk' nicht dran, wie oft verwehte, Was so schön im Frühlingsschein! Weiß und rote Apfelblüten Breiten über dich ihr Zelt; Kümmert's dich, daß Stürme wüten Und die Pracht zu Boden fällt? Willst du gar nach Früchten fragen In des Baumes Blütezeit? Warum seufzen, warum klagen? Kommt ja ohnehin das Leid! Mögen bied're Vogelscheuchen Klappern doch auf ihrer Stang', Schöner als ein ängstlich Keuchen Klingt ein lust'ger Vogelsang. Warum nur den Sperling jagen Von dem reichen Apfelbaum? Mag als Sanglohn ihm behagen, Daß dein Hoffen blieb ein Traum? Glaube, du gewinnst beim Tausche, Hast du statt der Frucht Gesang; Denke, daß die Zeit verrausche! – Auch die Jugend währt nicht lang. Ich will leben, ich will singen, Bis die letzte Hecke kahl. Mag, wer will den Acker düngen Mit den Blättern, gelb und fahl! Auf den Zaun denn! draußen schimmert's, Jedes Tierlein sucht sein Fest; Mir die Blumen; wen bekümmert's, Wer da nimmt den toten Rest!
Und während ich lebe, lebe ich zugleich hier und wie hinter fernen Büschen ...
Wie der liebe Gott größere und kleinere Lichter gemacht hat am Himmel, welche Tag und Nacht regieren und die Jahre zumessen den Menschenkindern, so hat er auch diesen Menschenkindern ein Gefühl in die Seele gelegt, welches die schwindenden Tage mit Bangen zählt, und mit Zagen jedes neu zugemessene Jahr betritt, denn am Ende der Tage ist der Tod. Es ist überhaupt jedes Jahr, welches kommt mit seinen dreihundertundfünfundsechzig Tagen, eine dunkle Wolke, schwanger mit Tod und Not, mit Freude und Lust.
Zukunft Wie auf ausgespannten Sturmesschwingen Eilt der Augenblick! – Den Flug der Zeit Hemmt kein Wunsch; des Herzens bange Stunden Schwinden hin, wie seine Seligkeit! Weh den Armen, dessen trüben Sinnen Der Sekunde Glück vergebens blüht, Dem beim leisen Frühlingswehn der Freude Nicht entzückt die blasse Wange glüht! Denn ach! bald verrauscht wie Morgenträume Unser Leben, und der Vorhang sinkt. Wir erwachen; – neue fremde Szenen Warten unser, wo kein Leitstern winkt. Welche dunkle, unbekannte Gegend Jenes fremden Landes, wo noch nie, Nie ein Pilger wiederkehrte, müssen Wir durchwandeln? Wer beschreibt uns sie? Ewigkeit! Vernichtung! – zwischen beiden Bleibt der Sterbliche betroffen stehn, Harrt, daß ihm an der Erfahrung Grenze Soll ein höh'rer Strahl entgegenwehn.
Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt.
Blasse Menschen seh' ich wandeln, Und die Klag' tönt allerorten: »Schal ist unser Tun und Handeln, Siech und alt sind wir geworden.« Wollt' euch nie bei euerm Forschen Die uralte Mär erklingen Von dem Brunn, darin die morschen Knochen wundersam sich jüngen? Und der Brunn ist keine Dichtung, Fließt so nah vor euren Toren, Euch nur mangelt Weg und Richtung, Ihr nur habt die Spur verloren. Drauß im Wald, im grünen, heitern, Wo die Menschenstimmen schweigen, Wo auf duft'gen Farrenkräutern Nächtlich schwebt der Elfenreigen: Dort, versteckt von Stein und Moose, Rauschet frisch und hell die Welle, Dort entströmt der Erde Schoße Ewig jung die Wunderquelle. Dort, umrauscht von Waldesfrieden, Mag der kranke Sinn gesunden, Und des Lenzes junge Blüten Sprossen über alten Wunden.
Bedenke auch, daß alle Zeit, in der wir nicht waren, mag ihre Dauer auch von Ewigkeit sein, für uns wie nicht gewesen ist.