Sterben Sprüche – abschied
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Mit jedem Menschen stirbt eine Welt.
Was die Erde mir geliehen, Fordert sie schon jetzt zurück. Naht sich, mir vom Leib zu ziehen Sanft entwindend Stück für Stück. Um so mehr, als ich gelitten, Um so schöner ward die Welt. Seltsam, daß, was ich erstritten, Sachte aus der Hand mir fällt. Um so leichter, als ich werde, Um so schwerer trag' ich mich. Kannst du mich, du feuchte Erde, Nicht entbehren? Frag ich dich. "Nein ich kann dich nicht entbehren, Muß aus dir ein' andern bauen, Muß mit dir ein' andern nähren, Soll sich auch die Welt anschauen. Doch getröste dich in Ruh'. Auch der andre, der bist du."
Der letzte Abschied stellt etwas Unendliches dar.
Todeserfahrung Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund, Bewunderung und Liebe oder Haß dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund tragischer Klage wunderlich entstellt. Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen. Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen, spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt. Doch als du gingst, da brach in diese Bühne ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt, durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne, wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald. Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes hersagend und Gebärden dann und wann aufhebend; aber dein von uns entferntes, aus unserm Stück entrücktes Dasein kann uns manchmal überkommen, wie ein Wissen von jener Wirklichkeit sich niedersenkend, sodaß wir eine Weile hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.
Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe.
Ein Vogel, der nicht sterben will, soll sich seinem Nest fernhalten.
Dulden muß der Mensch sein Scheiden aus der Welt, wie seine Ankunft: Reif sein ist alles.
Nun ist es Abend, nun ist es genug. Jetzt birg mich, Herr, in deine Hände. Es war so schwer, als ich mich selber trug. nun trägst du mich in Liebe und ohne Ende.
Geht nun hin und grabt mein Grab! Denn ich bin des Wanderns müde. Von der Erde scheid' ich ab; Denn mir ruft des Himmels Friede, Denn mir ruft die süße Ruh' Von den Engeln droben zu. Geht nun hin und grabt mein Grab! Meinen Lauf hab' ich vollendet, Lebe nun den Wanderstab Hin, wo alles Ird'sche endet, Lege selbst mich nun hinein In das Bette sonder Pein. Was soll ich hienieden noch In dem dunkeln Thale machen? Denn wie mächtig, stolz und hoch Wir auch stellen unsre Sachen, Muß es doch wie Sand vergehn, Wenn die Winde drüber wehn. Darum, Erde, fahre wohl, Laß mich nun in Frieden scheiden! Deine Hoffnung, ach, ist hohl, Deine Freuden selber Leiden, Deine Schönheit Unbestand, Eitel Wahn und Trug und Tand. Darum, letzte gute Nacht, Sonn' und Mond und liebe Sterne! Fahret wohl mit Eurer Pracht; Denn ich reis' in weite Ferne, Reise hin zu jenem Glanz, Drinnen ihr verschwindet ganz. Die ihr nun in Trauer geht, Fahret wohl, ihr lieben Freunde! Was von oben niederweht, Tröstet ja des Herrn Gemeinde. Weint nicht ob dem eiteln Schein! Ew'ges kann nur droben sein. Weinet nicht, daß ich nun will Von der Welt den Abschied nehmen, Daß ich aus dem Irrthum will Aus den Schatten, aus den Schemen, Aus dem Eiteln, aus dem Nichts Hin ins Land des ew'gen Lichts! Weinet nicht! mein süßes Heil, Meinen Heiland hab' ich funden, Und ich habe auch mein Theil In den heil'gen Todeswunden, Woraus einst sein theures Blut Floß der ganzen Welt zu gut. Weint nicht! mein Erlöser lebt; Hoch vom finstern Erdenstaube Hell empor die Hoffnung schwebt, Und der Himmelsheld, der Glaube; Und die ew'ge Liebe spricht: Kind des Vaters, zittre nicht!
Sterben ist kein Kinderspiel.
Im weiten Meere treffen sich zwei Splitter Holz; für kurze Zeit sind sie beisammen, bis die Flut sie wieder auseinander treibt. So Gattinnen und Kinder auch, Verwandte, Freunde, Hab' und Gut; sie kommen und sind wieder fern, urplötzlich trifft uns ihr Verlust. Wie einer, der am Wege steht, zu einer Karawane spricht: Zieht hin, den gleichen Weg wie ihr werd' ich auch gehen hinter euch; so weiß der Mensch, daß er den Weg, den Vater und Großvater ging, auch wandeln wird; was klagt er daen, wenn kommt, was unvermeidlich ist!
Nein, ich habe nichts versäumet! Wißt ihr denn, was ich geträumet? Nun will ich zum Danke fliegen, Nur mein Bündel bleibe liegen.
Gedanken bey dem Fall der Blätter im Herbst In einem angenehmen Herbst, bey ganz entwölktem heiterm Wetter, Indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser Bäume, geh', Und des so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen Rest beseh'; Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst herabgesunkner Blätter. Ein reges Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt' und drehte sich Ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer; doch selten im geraden Strich. Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck, der sie bisher gezieret, So lang es möglich, zu behalten, und hindert' ihren schnellen Fall. Hiedurch ward ihre leichte Last, im weiten Luft-Kreis überall, In kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln umgeführet, Bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß, berühret; Um sie, bevor sie aufgelöst, und sich dem Sichtlichen entrücken, Mit Decken, die weit schöner noch, als persianische, zu schmücken. Ich hatte diesem sanften Sinken, der Blätter lieblichem Gewühl, Und dem dadurch, in heitrer Luft, erregten angenehmen Spiel, Der bunten Tropfen schwebendem, im lindem Fall formiertem, Drehn, Mit offnem Aug', und ernstem Denken, nun eine Zeitlang zugesehn; Als ihr von dem geliebten Baum freywilligs Scheiden (da durch Wind, Durch Regen, durch den scharfen Nord, sie nicht herabgestreifet sind; Nein, willig ihren Sitz verlassen, in ihren ungezwungnen Fällen) Nach ernstem Denken, mich bewog, sie mir zum Bilde vorzustellen, Von einem wohlgeführten Alter, und sanftem Sterben; Die hingegen, Die, durch der Stürme strengen Hauch, durch scharfen Frost, durch schwehren Regen ihren Zweigen abgestreift und abgerissen, kommen mir, Wie Menschen, die durch Krieg und Brand und Stahl gewaltsam fallen, für. Wie glücklich, dacht' ich, sind die Menschen, die den freywillgen Blättern gleichen, Und, wenn sie ihres Lebens Ziel, in sanfter Ruh' und Fried', erreichen; Der Ordnung der Natur zufolge, gelassen scheiden, und erbleichen!
Als Gott sah, daß der Weg zu lang, der Hügel zu steil, das Atmen zu schwer wurde, legte er seinen Arm um dich und sprach: "Komm heim."
Wenn ich einmal sollt scheiden, so scheide nicht von mir…
Sterben hat nichts mit Gesellschaft zu tun, sondern ist die Handlung eines Individuums. Unter Freunden laßt uns lachen und leben, unter Fremden laßt uns trauern und sterben.
Während meines Lebens hätte ich nie daran gedacht, daß man so schön und einfach vom Leben scheiden kann und plötzlich nicht mehr krankhaft am Leben hängt. Die Unwissenheit über den Tod ist die Ursache dafür, daß wir so sehr am Leben hängen…
Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, — mehr segnend als verliebt.
Er starb Wie einer, der sich auf den Tod geübt, Und warf das Liebste, was er hatte, von sich, Als wär's unnützer Tand.
Im kurzen Abend... (Zweite Fassung) Im kurzen Abend - voll Wind ist die Stunde, Und die Röte so tief und winterlich klein. Unsere Hand, die sich zagend gefunden, Bald wird sie frieren, und einsam sein. Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten, Wenige erst, auseinandergerückt. Unsere Pfade sind dunkel, und Weiden breiten Ihre Schatten darauf, in Trauer gebückt. Schilf rauschet uns, und die Irrwische scheinen, Die wir ein dunkeles Schicksal erlost. Behüte dein Herz, dann wird es nicht weinen, Unter dem fallenden Jahr ohne Trost. Was dich schmerzet, ich sag es im Bösen. Und uns quälet ein fremdes Wort. Unsere Hände werden im Dunkel sich lösen, Und mein Herz wird sein, wie ein kahler Ort.
Abendempfindung Abend ist's, die Sonne ist verschwunden, Und der Mond strahlt Silberglanz; So entfliehn des Lebens schönste Stunden, Fliehn vorüber wie im Tanz. Bald entflieht des Lebens bunte Szene, Und der Vorhang rollt herab; Aus ist unser Spiel, des Freundes Träne Fließet schon auf unser Grab. Bald vielleicht (mir weht, wie Westwind leise, Eine stille Ahnung zu), Schließ ich dieses Lebens Pilgerreise, Fliege in das Land der Ruh. Werdet ihr dann an meinem Grabe weinen, Trauernd meine Asche sehn, Dann, o Freunde, will ich euch erscheinen Und will himmelauf euch wehn. Schenk auch du ein Tränchen mir Und pflückte mir ein Veilchen auf mein Grab, Und mit deinem seelenvollen Blicke Sieh dann sanft auf mich herab. Weih mir eine Träne, und ach! schäm dich nur nicht, sie mir zu weihn; Oh, sie wird in meinem Diademe Dann die schönste Perle sein!