Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Den Freunden Des Menschen Tage sind verflochten, die schönsten Güter angefochten, es trübt sich auch der frei'ste Blick; du wandelst einsam und verdrossen, der Tag verschwindet ungenossen in abgesonderten Geschick. Wenn Freundesantlitz dir begegnet, so bist du gleich befreit, gesegnet, gemeinsam freust du dich der Tat. Ein Zweiter kommt, sich anzuschließen, mitwirken will er, mitgenießen; verdreifacht so sich Kraft und Rat. Von äußerm Drang unangefochten, bleibt, Freunde, so in eins verflochten, dem Tag gönnet heitern Blick! Das Beste schaffet unverdrossen; Wohlwollen unsrer Zeitgenossen, das bleibt zuletzt erprobtes Glück.

Goethe, J. W., Gedichte. Zum 28. August 1826, an Hegel

Freunde können und müssen Geheimnisse voreinander haben: sie sind einander doch kein Geheimnis.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 8. Buch, 5. Kapitel

Meine Freunde teile ich in Hoffer und Verzweifler.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Kanzler Friedrich von Müller, 6. Juni 1824

Freunde offenbaren einander gerade das am deutlichsten, was sie einander verschweigen.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 3. Buch, 13. Kap., Wilhelm zu Friedrich

Es ist besser, man betrügt sich an seinen Freunden, als daß man seine Freunde betrüge.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Literatur und Leben

Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein Den ganzen Umfang deines Werts erkennen.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 1. Akt, 1. Szene, Leonore zur Prinzessin

Mit den Menschen geht mir es schon besser, man muß sie nur mit dem Krämergewicht, keineswegs mit der Goldwaage wiegen, wie es leider sogar oft Freunde untereinander aus hypochondrischer Grille und seltsamer Anforderung zu tun pflegen.

Goethe, Italienische Reise, 1786-88, auf der Grundlage der Reisetagebücher überarbeitet 1813-17. Neapel, 17. März 1787

Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen, Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen. Allein bei Freunden läßt man frei sich gehn, Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt Sich eine Laune; ungezähmter wirkt Die Leidenschaft, und so verletzen wir Am ersten die, die wir am zartsten lieben.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 3. Akt, 4. Szene, Antonio zu Leonore

Ein edler Mensch zieht edle Menschen an Und weiß sie fest zu halten.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 1. Akt, 1. Szene, Leonore zur Prinzessin

Wie tröstlich ist es einem Freunde, der Auf eine kurze Zeit verreisen will, Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur Ein neuer Mantel, oder eine Waffe.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 5. Akt, 4. Auftritt, Prinzessin zu Tasso

Man weiß gar nicht, was man hat, wenn man zusammen ist.

Goethe, J. W., Briefe. An Christiane Vulpius, 25. August 1792

Was Freunde mit und für uns tun, ist auch ein Erlebtes; denn es stärkt und fördert unsere Persönlichkeit. Was Feinde gegen uns unternehmen, erleben wir nicht, wir erfahren's nur, lehnen's ab und schützen uns dagegen wie gegen Frost, Sturm, Regen und Schloßenwetter oder sonst äußere Übel, die zu erwarten sind.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus den Heften zur Morphologie, 1. Bandes 4. Heft, 1822

Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht, Verdient nicht, daß die Welt von ihm erfahre.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 1. Akt, 3. Szene, Tasso zu Leonore

Wahr ist's, daß wahre Verbindungen Zeit brauchen, wie Bäume, um Wurzeln zu treiben, Kronen zu bilden und Früchte zu bringen.

Goethe, J. W., Briefe. An Betty Jacobi, im Februar 1774

Ja, mein Guter, man hat von seinen Freunden zu leiden gehabt.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 23. März 1829

Nur uns Armen, die wir wenig oder nichts besitzen, ist es gegönnt, das Glück der Freundschaft in reichem Maße zu genießen. Wir können unsre Geliebten weder durch Gnade erheben, noch durch Gunst befördern, noch durch Gedanken beglücken. Wir haben nichts als uns selbst. Dieses ganze Selbst müssen wir hingeben.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 4. Buch, 2. Kap., Wilhelm

Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 7. Buch, 9. Kap.

Das also war des Pudels Kern!

Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Studierzimmer, Faust zu Mephistopheles

Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 3. Bandes 1. Heft, 1821

Lehrbuch und Geschichte sind gleich lächerlich dem Handelnden. Aber auch kein stolzer Gebet als um Weisheit [sic], denn diese haben die Götter ein für allemal den Menschen versagt. Klugheit teilen sie aus, dem Stier nach seinen Hörnern und der Katze nach ihren Klauen, sie haben alle Geschöpfe bewaffnet.

Goethe, J. W., Tagebücher. 13. Jan. 1779

Kein leicht unfertig Wort wird von der Welt verteidigt, Doch tut das Niedrigste, und sie wird nicht beleidigt. Der Weise sagt – der Weise war nicht klein –: Nichts scheinen, aber alles sein.

Goethe, Hanswursts Hochzeit oder Der Lauf der Welt – Ein mikrokosmisches Drama. Fragment, 1775. Kilian Brustfleck