Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott gesucht hatte.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 6. Buch, Bekenntnisse einer schönen Seele

Sie [die Götter] reden nur durch unser Herz zu uns.

Goethe, Iphigenie auf Tauris, 1787. 1. Akt, 3. Szene, Iphigenie zu Thoas

Man sieht leicht, wie hier [im Neuplatonismus] die Erlösung nicht allein von Ewigkeit her beschlossen, sondern als ewig notwendig gedacht wird, ja, daß sie durch die ganze Zeit des Werdens und Seins sich immer wieder erneuern muß. Nichts ist in diesem Sinne natürlicher, als daß die Gottheit selbst die Gestalt des Menschen annimmt, die sie sich zu einer Hülle schon vorbereitet hatte, und daß sie die Schicksale desselben auf kurze Zeit teilt, um durch diese Verähnlichung das Erfreuliche zu erhöhen und das Schmerzliche zu mildern.

Goethe, J. W., Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1811. 2. Teil, 8. Buch

Alles entsteht und vergeht nach Gesetz; doch über des Menschen Leben, dem köstlichen Schatz, herrschet ein schwankendes Los.

Goethe, J. W., Gedichte. Elegien 2. Aus: Euphrosyne

Mißhör mich nicht, du holdes Angesicht! Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: Ich glaub' ihn. Wer empfinden, Und sich unterwinden Zu sagen: ich glaub' ihn nicht? Der Allumfasser, Der Allerhalter, Faßt und erhält er nicht Dich, mich, sich selbst? Wölbt sich der Himmel nicht dadroben? Liegt die Erde nicht hierunten fest? Und steigen freundlich blickend Ewige Sterne nicht herauf? Schau' ich nicht Aug' in Auge dir, Und drängt nicht alles Nach Haupt und Herzen dir, Und webt in ewigem Geheimnis Unsichtbar sichtbar neben dir? Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, Nenn es dann, wie du willst, Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsglut.

Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Marthens Garten. Faust zu Margarete (Antwort auf die 'Gretchenfrage')

Ihm [Gott] ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, So daß, was in Ihm lebt und webt und ist, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Gott und die Welt. Aus: Proömion. Originaltext

Die Menschen verdrießt's, daß das Wahre so einfach ist; sie sollten bedenken, daß sie noch Mühe genug haben, es praktisch zu ihrem Nutzen anzuwenden.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus: Kunst und Altertum, 3. Bandes 1. Heft. 1821, Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen

Wahrheitsliebe zeigt sich darin, dass man überall das Gute zu finden und zu schätzen weiß.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 2. Buch, 11. Kapitel

Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr!

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 1. Akt, Szene: Kaiserliche Pfalz. Saal des Thrones, Mephistopheles zum Kaiser

Wer gegen sich selbst und andere wahr ist und bleibt, besitzt die schönste Eigenschaft der größten Talente.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus: Kunst und Altertum, 6. Bandes 1. Heft. 1827

Durch zweier Zeugen Mund Wird allerwegs die Wahrheit kund.

Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Der Nachbarin Haus, Mephistopheles zu Margarete

Das Wahre fördert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er verwickelt uns nur.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, 1829. Betrachtungen im Sinne der Wanderer

Das Wahre ist gottähnlich: es erscheint nicht unmittelbar, wir müssen es aus seinen Manifestationen erraten.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, 1829. Aus Makariens Archiv

… Man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum oben auf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Peter Eckermann, 16. Dezember 1828

Zwischen uns sei Wahrheit!

Goethe, Iphigenie auf Tauris, 1787. 3. Akt, 1. Szene, Orest zu Iphigenie

Die bloße Wahrheit ist ein simpel Ding, Die jeder leicht begreifen kann; Allein sie scheint Euch zu gering, Und sie befriedigt nicht den Wundermann.

Goethe, Faust. Eine Tragödie. Paralipomena zu Faust, erster Teil, 1832. Mephistopheles

Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, 1829. Aus Makariens Archiv

Du hältst das Evangelium, wie es steht, für die göttlichste Wahrheit. Mich würde eine vernehmliche Stimme vom Himmel nicht überzeugen, daß das Wasser brennt und das Feuer löscht, daß ein Weib ohne Mann gebiert und daß ein Toter aufersteht; vielmehr halte ich dieses für Lästerungen gegen den großen Gott und seine Offenbarung in der Natur.

Goethe, J. W., Briefe. An Johann Kaspar Lavater, 9. August 1782

Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen wir alle nur blinzelnd so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 5. Bandes 1. Heft, 1824

Der törigste von allen Irrtümern ist, wenn junge, gute Köpfe glauben, ihre Originalität zu verlieren, indem sie das Wahre anerkennen, was von andern schon anerkannt worden.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 5. Bandes 1. Heft, 1824. Originaltext

Ja, was man so erkennen heißt! Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen? Die wenigen, die was davon erkannt, Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten, Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.

Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Nacht, Faust zu Wagner