Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Kein organisches Wesen ist ganz der Idee, die zu Grunde liegt, entsprechend; hinter jedem steckt die höhere Idee. Das ist mein Gott, das ist der Gott, den wir alle ewig suchen und zu erschauen hoffen, aber wir können ihn nur ahnen, nicht schauen!

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Friedrich von Müller, im Mai 1830

In wenig Stunden Hat Gott das Rechte gefunden.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, hier aus: Gott, Gemüt und Welt

Antike Tempel konzentrieren den Gott im Menschen; des Mittelalters Kirchen streben nach dem Gott in der Höhe.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Uber Kunst und Kunstgeschichte

Was ist Praedestinatio (Vorherbestimmung)? Antwort: Gott ist mächtiger und weiser als wir; drum macht er es mit uns nach seinem Gefallen.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Literatur und Leben

Wen Gott niederschlägt, der richtet sich selbst nicht auf.

Goethe, Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, 1773. 5. Akt, Götz zu Elisabeth

Der Vater ewig in Ruhe bleibt, Er hat der Welt sich einverleibt. Der Sohn hat Großes unternommen: Die Welt zu erlösen, ist er gekommen; Hat gut gelehrt und viel ertragen, Wie das [?] noch heut in unsern Tagen. Nun aber kommt der heilige Geist, Er wirkt am Pfingsten allermeist. Woher er kommt, wohin er weht, Das hat noch niemand ausgespäht. Sie geben ihm nur eine kurze Frist, Da er doch Erst' und Letzter ist. Deswegen wir treulich, unverstohlen Das alte Credo wiederholen: Anbetend sind wir all' bereit Die ewige Dreifaltigkeit.

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. Zahme Xenien, Kap. 9

Prooemion Im Namen dessen, der Sich selbst erschuf! Von Ewigkeit in schaffendem Beruf; In Seinem Namen, der den Glauben schafft, Vertrauen, Liebe, Tätigkeit und Kraft; In Jenes Namen, der, so oft genannt, Dem Wesen nach blieb immer unbekannt: So weit das Ohr, so weit das Auge reicht, Du findest nur Bekanntes, das Ihm gleicht, Und deines Geistes höchster Feuerflug Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug; Es zieht dich an, es reißt dich heiter fort, Und wo du wandelst, schmückt sich Weg und Ort; Du zählst nicht mehr, berechnest keine Zeit, Und jeder Schritt ist Unermeßlichkeit. Was wär' ein Gott, der nur von außen stieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe! Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, So daß, was in Ihm lebt und webt und ist, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt. Im Innern ist ein Universum auch; Daher der Völker löblicher Gebrauch, Dass jeglicher das Beste, was er kennt, Er Gott, ja seinen Gott benennt, Ihm Himmel und Erden übergibt, Ihn fürchtet, und womöglich liebt.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Gott und Welt

Sogar dies Wort hat nicht gelogen: Wen Gott betrügt, der ist wohl betrogen.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Gott, Gemüt und Welt, 1815. Anmerkung: "Wen Gott betrügt, der ist wohl betrogen." ist ein altes deutsches Sprichwort, das sich bereits im 16. Jahrhundert nachweisen lässt

Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.

Goethe, Die natürliche Tochter, 1803. 4. Akt, 2. Szene, Gerichtsrat zu Eugenie

Was wäre ein Gott, der nur von außen stieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe! Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, So daß, was was in Ihm lebt und webt und ist, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Gott, Gemüt und Welt

Und was das Übrige betrifft, so fragt das liebe unsichtbare Ding, das mich leitet und schult, nicht, ob und wann ich mag.

Goethe, J. W., Tagebücher. Reisetagebuch, 30. Oktober 1775

Dank des Paria Großer Brahma! nun erkenn ich, Daß du Schöpfer bist der Welten! Dich als meinen Herrscher nenn ich, Denn du lässest alle gelten. Und verschließest auch dem Letzten Keines von den tausend Ohren; Uns, die tief Herabgesetzten, Alle hast du neu geboren. Wendet euch zu dieser Frauen, Die der Schmerz zur Göttin wandelt! Nun beharr ich, anzuschauen Den, der einzig wirkt und handelt.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Lyrisches

Wen die Götter lieben, den führen sie zur Stelle, wo man sein bedarf?

Goethe, Elpenor, Trauerspiel, Fragment, 1781. 1. Szene, 1. Auftritt, Elpenor zu Antiope

Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare, Wie sie das Feste lässt zu Geist zerrinnen, Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre!

Goethe, J. W., Gedichte. Aus: Bei Betrachtung von Schillers Schädel, 1826

Ich glaube einen Gott! – Dies ist ein schönes, löbliches Wort; aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Literatur und Leben

Raphael.Die Sonne tönt nach alter Weise In Brudersphären Wettgesang, Und ihre vorgeschriebne Reise Vollendet sie mit Donnergang. Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke, Wenn keiner sie ergründen mag; Die unbegreiflich hohen Werke Sind herrlich wie am ersten Tag.Gabriel.Und schnell und unbegreiflich schnelle Dreht sich umher der Erde Pracht; Es wechselt Paradieseshelle Mit tiefer, schauervoller Nacht; Es schäumt das Meer in breiten Flüssen Am tiefen Grund der Felsen auf, Und Fels und Meer wird fortgerissen In ewig schnellem Sphärenlauf.Michael.Und Stürme brausen um die Wette, Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer, Und bilden wütend eine Kette Der tiefsten Wirkung rings umher. Da flammt ein blitzendes Verheeren Dem Pfade vor des Donnerschlags; Doch deine Boten, Herr, verehren Das sanfte Wandeln deines Tags.Zu drei.Der Anblick gibt den Engeln Stärke, Da keiner dich ergründen mag, Und alle deine hohen Werke Sind herrlich wie am ersten Tag.

Goethe, Faust. Eine Tragödie. Prolog im Himmel, 1808. Die drei Erzengel

Warum uns Gott so wohl gefällt? Weil er sich uns nie in den Weg stellt.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Sprichwörtlich

Die Vorsehung hat tausend Mittel, die Gefallenen zu erheben und die Niedergebeugten aufzurichten.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 1. Buch, 12. Kapitel

Ihm ist keiner der Geringste – Wer sich mit gelähmten Gliedern, Sich mit wild zerstörtem Geiste, Düster ohne Hilf' und Rettung, Sei er Brahma, sei er Paria, Mit dem Blick nach oben kehrt, Wird's empfinden, wird's erfahren: Dort glänzen tausend Augen, Ruhend lauschen tausend Ohren, Denen nichts verborgen bleibt.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Lyrisches. Paria. Aus: Legende, ents. zwischen 1783 und 1823, Erstdruck 1824

Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des Erscheinens dergestalt obruiert, daß sie das e i n e Urbedingende nicht gewahren können.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, 1829. Aus Makariens Archiv

Wir kennen nur Ganglien, Gehirnknoten; vom Wesen des Gehirns selbst wissen wir soviel als gar nichts. Was wollen wir denn also von Gott wissen?

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann D. Falk (seit 1798 Lehrer verwahrloster Kinder in Weimar), 25. Januar 1813