Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Wenn man älter wird, muß man mit Bewußtsein auf einer gewissen Stufe stehenbleiben.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Literatur und Leben

Einem bejahrten Manne verdachte man, daß er sich noch um junge Frauenzimmer bemühte. "Es ist das einzige Mittel", versetzte er, "sich zu verjüngen, und das will doch jedermann."

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus den Wahlverwandtschaften, 1809. Aus Ottiliens Tagebuche

Das Erlebte weiß jeder zu schätzen, am meisten der Denkende und Nachsinnende im Alter; er fühlt mit Zuversicht und Behaglichkeit, daß ihm das niemand rauben kann.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus den Heften Zur Morphologie, 1. Bandes 4. Heft, 1822

Alt wird man wohl, wer aber klug?

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 2. Akt, Am obern Peneios. Mephistoteles zu Lamien

Der Alte verliert eins der größten Menschenrechte: er wird nicht mehr von seinesgleichen beurteilt.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 5. Bandes 3. Heft, 1826

Man schont die Alten, wie man die Kinder schont.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum. 5. Bandes 3. Heft, 1826. Einzelnes

Das Alter trennt uns nach und nach von empfänglichen Menschen, selten kehrt ein Klang und Ton, den man aussendet, lebhaft und ergötzlich zurück.

Goethe, J. W., Briefe. An Carl Friedrich Anton von Conta, 11. September 1820

Daß doch die Jugend immer zwischen den Extremen schwankt! Ich finde nichts natürlicher, als alles zu verbinden, was uns Vergnügen und Vorteil bringt.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 1. Buch, 12. Kap., Die Alte zu Mariane

"Deine Zöglinge möchten dich fragen: Lange lebten wir gern auf Erden, Was willst du uns für Lehre sagen?" Keine Kunst ist's, alt zu werden, Es ist Kunst, es zu ertragen.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Zahme Xenien, Kap. 1

Wenn dem früheren Alter Tun und Wirken gebührt, so ziemt dem späteren Betrachtung und Mitteilung.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan. Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des west-östlichen Divans. Einleitung

Wer nicht ganz verwöhnt und hinlänglich jung ist, findet nicht leicht einen Ort, wo es ihm so wohl sein könnte als im Theater.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 22. März 1825

Die Jugend ist vergessen Aus geteilten Interessen; Das Alter ist vergessen Aus Mangel an Interessen.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Zahme Xenien 5

Wenn man alt ist, denkt man über die weltlichen Dinge anders, als da man jung war.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 6. Dezember 1829

Man sagt vom Alter, es sei geschwätzig, aber ich dächte doch, es dürfte gesprächig sein; man hat viel zu sagen und sagts doch wohl auch kühnlich, was man früher weislich davon gehen ließ.

Goethe, J. W., Briefe. An H. G. Hotho, 19. April 1830

Die Jugend erlaubt sich manche Willkür, das Alter gehorcht unwillig der Notwendigkeit.

Goethe, J. W., Briefe. An Johann Sulpiz Melchior Dominikus Boisserée, 27. Juni 1826

Bedenkt: der Teufel, der ist alt, So werdet alt, ihn zu verstehen!

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 2. Akt, Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer, Mephistopheles

Ich neide nichts, ich laß es gehn Und kann mich immer manchem gleich erhalten; Zahnreihen aber, junge, neidlos anzusehn, Das ist die größte Prüfung mein, des Alten.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Zahme Xenien 4, Erstdruck 1827

Die Jahre Die Jahre sind allerliebste Leut: Sie brachten gestern, sie bringen heut, Und so verbringen wir Jüngern eben Das allerliebste Schlaraffenleben. Und dann fällt's den Jahren auf einmal ein, Nicht mehr wie sonst bequem zu sein, Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen Sie nehmen heute, sie nehmen morgen.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Epigrammatisch, entst. 1812-1814. Originaltext

Ich erinnere mich bey dieser Gelegenheit eines Vorwurfs den ich von Lavatern … hören mußte, er sagte: »Du thust auch als wenn wir dreyhundert Jahre alt werden wollten.« Und doch ist, besonders in wissenschaftlichen Dingen, kaum anders zu handeln; wenn man sich nicht alle Jahre zurücknehmen will, so darf man nur mit sich selbst reden.

Goethe, J. W., Briefe. An Sulpiz Boisserée, 18. Juni 1819. Originaltext

Wenn man alt ist, muß man mehr tun, als da man jung war.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus: Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1892. Betrachtungen im Sinne der Wanderer. Kunst. Ethisches. Natur

Schweizeralpe War doch gestern dein Haupt noch so braun wie die Locke der Lieben, Deren holdes Gebild still aus der Ferne mir winkt; Silbergrau bezeichnet dir früh der Schnee nun die Gipfel, Der sich in stürmender Nacht dir um den Scheitel ergoß. Jugend, ach! ist dem Alter so nah, durchs Leben verbunden, Wie ein beweglicher Traum Gestern und Heute verband.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Antiker Form sich nähernd, Erstdruck 1799 unter dem Titel: Am 1. Oktober 1797