William Shakespeare (1564–1616)

220 Sprüche Renaissance

XXI Mein Liebeslied klingt nicht wie jener Schall, der angeschminkter Schönheit mag ertönen; der aller Bilder Schmuck holt aus dem All und jedes Schöne borgt dem Schein vom Schönen. Es ist nicht Schwall, nicht Fülle von Vergleichen mit Sonn und Mond und was es immer nur in Flut und Festland gibt, mit Himmelszeichen und allen Wunderwerken der Natur. Echt ist mein Lieben, wahr sei auch mein Lied: drum glaub, daß keine Erdenflamme brennt mit schönrer Glut, obgleich noch schöner glüht der goldne Strahlenglanz am Firmament. Mag, wer zu prahlen liebt, mit Liebe prahlen; ich will nicht preisen, was nicht zu bezahlen.

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

LXIV Seh ich mit grausem Griff die Zeit zerwühlen erhabnen Prunk der hingesunknen Welten; stell ich mir vor, wie stolze Türme fielen, und Trümmer nur für erzne Male gelten; seh ich des Meers begehrendes Gebiß an königlichem Strande wölfisch nagen, und wie das Festland wieder sich entriß, Gewinn Verlust, Verlust Gewinn muß tragen; und seh ich diesen Wandel, dies Verkümmern, und alles, was da war, zum Schluß ein Schemen – da steigt mir der Gedanke aus den Trümmern: die Zeit wird mir auch meine Liebe nehmen. Gedanke, der in Todestrauer führt: zu denken, daß man hat, was man verliert!

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

L Wie langsam schlepp ich mich von Platz zu Platz, da ich vom Ziel, es scheuend, nichts gelernt auf Rast und Reise als nur diesen Satz: „Wie weit bist du von deinem Freund entfernt!“ Mein Tier trabt träge seines Weges hin, als trüg’ es die Beschwer von meinem Gram und spürte meinen Schmerz, von dir zu ziehn, und meinen Wunsch, daß ich nicht weiter kam. Vergebens, wenn ich manchmal doch es sporne, der blut’ge Sporn befeuert nicht den Schritt; wie’s stöhnend leidet unter meinem Zorne, weit schwerer leid ich seine Schmerzen mit. Für sie bekam die Mahnung ich zurück: der Gram liegt vor mir, hinter mir das Glück.

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

Lied der Desdemona Das Mägdlein saß singend am Feigenbaum früh, Sing Weide, grüne Weide! Die Hand auf dem Busen, das Haupt auf dem Knie, Sing Weide, Weide, Weide! Das Bächlein, es murmelt und stimmet mit ein; Sing Weide, grüne Weide! Heiß rollt ihr die Trän und erweicht das Gestein; Sing Weide, Weide, Weide! Von Weiden all flecht ich mir nun den Kranz – Sing Weide, grüne Weide! O scheltet ihn nicht, sein Zorn ist mir recht – Sing Weide, Weide, Weide! Ich nannt ihn du Falscher! Was sagt er dazu? Sing Weide, grüne Weide! Seh ich nach den Mädeln, nach den Buben sieh du! Sing Weide, Weide, Weide!

Shakespeare, Othello, Erstdruck 1622

Lied des Narren Als ich ein kleiner Junge war, ich weiß, daß ich es war, mit he und ho und mit Regen und Wind, war jeder Irrsinn wunderbar, denn es regnet Regen jeden Tag. Doch als ich dann erwachsen war, mit he und ho und mit Regen und Wind, verschloß man vor Dieben das Herz sogar, denn es regnet Regen jeden Tag. Als ich bei einer Frau mal lag, ich liebte sie so sehr, mit he und ho und mit Regen und Wind, half mir mein großes Maul nichts mehr, denn es regnet Regen jeden Tag. Doch als ich dann in die Betten fiel, mit he und ho und mit Regen und Wind, hatt ich ganz ausgeträumt mein Spiel, denn es regnet Regen jeden Tag. Die Welt, die steht schon lange Zeit, mit he und ho und mit Regen und Wind, also Schluß mit dem Stück und der Seligkeit, ich hoffe, es hat Euch gefreut.

Shakespeare, Was ihr wollt (Twelfth Night, or What You Will), Erstdruck 1623

Balthasars Lied Klagt, Mädchen, klagt nicht Ach und Weh, Kein Mann bewahrt die Treue; Am Ufer halb, halb schon zur See Reizt, lockt sie nur das Neue! Weint keine Trän und laßt sie gehn, Seid froh und guter Dinge, Daß statt der Klag und dem Gestöhn Juchheissassa erklinge. Singt nicht Balladen trüb und bleich, In Trauermelodien: Der Männer Trug war immer gleich, Seitdem die Schwalben ziehen! Weint keine Trän und laßt sie gehn, Seid froh und guter Dinge, Daß statt der Klag und dem Gestöhn Juchheissassa erklinge.

Shakespeare, Viel Lärmen um nichts (Much Ado about Nothing), Erstdruck 1600

Nimm dein Lippenpaar zurück, das so süß verlogen schwur, und dein Augenpaar, das Glück sagt, doch ist mein Unglück nur – meine Küsse gib, ach gib, meine Lippen, seid versiegelt. Lieb, ach Lieb war Hieb, nur Hieb, auch mein Herz wird jetzt verriegelt.

Shakespeare, Maß für Maß (Measure for Measure), Erstdruck 1623

XLIV Wär’ dieses Leibes träger Stoff der Geist, vermöchte keine Ferne uns zu trennen, durch Räume wär’ ich rasch dir nachgereist und wollte keine Grenze anerkennen. Und ständ’ mein Fuß gebannt am fernsten Ort, dem Geiste wahrlich wär’ zum Spott die Schranke, ich dächte über Land und Meer mich fort und schon am Ziele wäre der Gedanke. Mich tötet der Gedanke, daß ich nicht Gedanke bin, um stets dich aufzufinden: mein Element erzwingt mir den Verzicht, das Hindernis des Raums zu überwinden. Von Erd und Wasser, die in mir vereint, sind schwer die Tränen, die ich dir geweint.

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

O laß, was stumme Liebe schrieb, gewähren: sie wird dich lehren, mit dem Aug' zu hören.

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Aus: Sonett XXIII. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

Wahnwitzige, Poeten und Verliebte bestehn aus Einbildung. Der eine sieht mehr Teufel, als die weite Hölle faßt: der Tolle nämlich; der Verliebte sieht nicht minder irr.

Shakespeare, Ein Sommernachtstraum (A Midsummer Night’s Dream), Erstdruck 1600

Ich werde meineidig (welches doch ein großer Beweis von Treulosigkeit), wenn ich liebe: Und wie kann das echte Lieben sein, welches mit Untreue begonnen wird?

Shakespeare, Verlorene Liebesmüh, dt. auch: Liebes Leid und Lust (Love’s Labour’s Lost), Erstdruck 1598

Doch Lieb, in Frauenaugen erst gelernt, Lebt nicht allein, vermauert im Gehirn, Nein, mit der Regung aller edler Geister Strömt sie gedankenschnell durch jede Kraft Und zeugt jedweder Kraft zwiefache Kraft, Weit höher als ihr Wirken und ihr Amt. Die feinste Schärfe leiht sie dem Gesicht: Wer liebt, des Auge schaut den Adler blind! Wer liebt, des Ohr vernimmt den schwächsten Laut.

Shakespeare, Verlorene Liebesmüh, dt. auch: Liebes Leid und Lust (Love’s Labour’s Lost), Erstdruck 1598

Die Liebe, die uns folgt, wird oft lästig, doch dankt man ihr als Liebe.

Internet

Brichst du den Bund, so ist's nicht anzufechten; das Recht der Liebe ruht ja nicht auf Rechten.

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Aus: Sonett XLIX. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

XLI Die Lust an leichter Sünde, wenn ich weit bisweilen deinem Herzen, wohl entsprach sie deiner Jugend, deiner Herrlichkeit; denn wo du weilst, folgt dir Verführung nach. Du bist so willig, leicht drum zu gewinnen, du bist so schön, als Beute drum begehrt; und wann versagte sich mit spröden Sinnen ein Weibgeborner, wenn ein Weib gewährt? Und dennoch will ich dir zur Warnung sagen: Laß deine süßen Lüste nicht zu frei, die dich in diesen tollen Taumel jagen, worin du zweifach brechen mußt die Treu – die ihre, da dein Reiz sie hat geblendet, die deine, da er sich mir abgewendet.

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

Ein solcher Sklav ist Liebe: ihr ist's Pflicht, was du auch tust, zu sehn im hellsten Licht.

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Aus: Sonett LVII. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

Drum nenn's nicht Sünde, daß mein Sang erschalle für die, für deren Gunst ich steh und falle!

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Aus: Sonett CLI. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

Nun wohl! So will ich lieben, schreiben, seufzen, ächzen, beten; der liebt das Fräulein, jener schwärmt für Greten!

Shakespeare, Verlorene Liebesmüh, dt. auch: Liebes Leid und Lust (Love’s Labour’s Lost), Erstdruck 1598

LXXV Was Brot dem Leibe, bist du meiner Seele, was dürrer Saat der Regen, bist du mir, der ich um deine Ruh mich rastlos quäle, wie es dem Geizhals geht mit seiner Gier. Bald möcht’ ich prahlend meinen Schatz genießen, bald zittr’ ich, daß die Zeit ihn bald mir stiehlt; bald wünsch ich, ganz mit dir mich einzuschließen, bald, daß mein Glück sich aller Welt empfiehlt. Bald schwelgt mein Blick in deiner Schönheitsfülle, um bald nach deinem Blicke zu verschmachten, und keine andre Lust bleibt Wunsch und Wille, als deiner Lust beseligt nachzutrachten. So fühl ich täglich, wechselnd auf der Stelle, mich bald im Himmel, bald mich in der Hölle.

Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Karl Kraus, 1933

Wir Männer reden mehr, wir schwören öfter, doch unser Mund spricht lauter als das Herz. Viel Liebe legen wir in jeden Schwur, Doch in die Liebe wenig davon nur.

Shakespeare, Was ihr wollt (Twelfth Night, or What You Will), Erstdruck 1623

Sind echte Seelen innerlich vereint, Trennt nichts sie. Der hat lieben nie gelernt, Der Wechsel findend, wechselt; sich entfernt. Wenn sich der andre zu entfernen scheint. Nein, Liebe ist ein festgefügtes Mal, Von Sturm und Wogen ewig unversehrt; Irrendem Boot ein Richtstern, dessen Wert Erhaben über Maß, Begriff und Zahl. Der Liebende ist nicht der Narr der Zeit, Wenn süßer Wangen Reiz auch welken mag. Er wandelt sich nicht mit dem Stundenschlag, Er lebt im Schicksalslicht der Ewigkeit. Ist Irtum dies, so fällt, was ich je schrieb, Und niemals sprach ein Mensch: Ich hab dich lieb.

Internet