Sterben Sprüche – zeit
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Eine Maus fiel einst in einen unbedeckten Topf von Suppe. Schon vom Fett erstickt, sprach sterbend sie noch dies: "Gegessen hab ich und getrunken und genossen alle Lust. Jetzt ist die Zeit zum Tod."
Die Bahre ist die Wiege des Himmels.
Im weiten Meere treffen sich zwei Splitter Holz; für kurze Zeit sind sie beisammen, bis die Flut sie wieder auseinander treibt. So Gattinnen und Kinder auch, Verwandte, Freunde, Hab' und Gut; sie kommen und sind wieder fern, urplötzlich trifft uns ihr Verlust. Wie einer, der am Wege steht, zu einer Karawane spricht: Zieht hin, den gleichen Weg wie ihr werd' ich auch gehen hinter euch; so weiß der Mensch, daß er den Weg, den Vater und Großvater ging, auch wandeln wird; was klagt er daen, wenn kommt, was unvermeidlich ist!
Wo und wie wir fallen, ob am skäischen Tor oder am Schreibtisch usw., wir erfüllen nur unser Schicksal.
Wer einmal völlig begriffen hat, daß er sterblich ist, für den hat eigentlich die Agonie schon begonnen.
Gedanken bey dem Fall der Blätter im Herbst In einem angenehmen Herbst, bey ganz entwölktem heiterm Wetter, Indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser Bäume, geh', Und des so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen Rest beseh'; Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst herabgesunkner Blätter. Ein reges Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt' und drehte sich Ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer; doch selten im geraden Strich. Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck, der sie bisher gezieret, So lang es möglich, zu behalten, und hindert' ihren schnellen Fall. Hiedurch ward ihre leichte Last, im weiten Luft-Kreis überall, In kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln umgeführet, Bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß, berühret; Um sie, bevor sie aufgelöst, und sich dem Sichtlichen entrücken, Mit Decken, die weit schöner noch, als persianische, zu schmücken. Ich hatte diesem sanften Sinken, der Blätter lieblichem Gewühl, Und dem dadurch, in heitrer Luft, erregten angenehmen Spiel, Der bunten Tropfen schwebendem, im lindem Fall formiertem, Drehn, Mit offnem Aug', und ernstem Denken, nun eine Zeitlang zugesehn; Als ihr von dem geliebten Baum freywilligs Scheiden (da durch Wind, Durch Regen, durch den scharfen Nord, sie nicht herabgestreifet sind; Nein, willig ihren Sitz verlassen, in ihren ungezwungnen Fällen) Nach ernstem Denken, mich bewog, sie mir zum Bilde vorzustellen, Von einem wohlgeführten Alter, und sanftem Sterben; Die hingegen, Die, durch der Stürme strengen Hauch, durch scharfen Frost, durch schwehren Regen ihren Zweigen abgestreift und abgerissen, kommen mir, Wie Menschen, die durch Krieg und Brand und Stahl gewaltsam fallen, für. Wie glücklich, dacht' ich, sind die Menschen, die den freywillgen Blättern gleichen, Und, wenn sie ihres Lebens Ziel, in sanfter Ruh' und Fried', erreichen; Der Ordnung der Natur zufolge, gelassen scheiden, und erbleichen!
Wer nicht gewacht hat, kann nicht schlafen; Wer nicht gelebt hat, kann nicht sterben.
Gedächtnisfeier Keine Messe wird man singen, Keinen Kadosch wird man sagen, Nichts gesagt und nichts gesungen Wird an meinen Sterbetagen. Doch vielleicht an solchem Tage, Wenn das Wetter schön und milde, Geht spazieren auf Montmartre Mit Paulinen Frau Mathilde. Mit dem Kranz von Immortellen Kommt sie, mir das Grab zu schmücken, Und sie seufzet: »Pauvre homme!« Feuchte Wehmut in den Blicken. Leider wohn ich viel zu hoch, Und ich habe meiner Süßen Keinen Stuhl hier anzubieten; Ach! sie schwankt mit müden Füßen. Süßes, dickes Kind, du darfst Nicht zu Fuß nach Hause gehen; An dem Barrieregitter Siehst du die Fiaker stehen.
Zweimal kann niemand, einmal muss jeder sterben.
Der baltische Junker Die baltischen Junker aus deutschem Geschlecht, Oft waren es wilde Gesellen, Hochmütig und ehrlich und selbstgerecht, Unfähig, sich schlau zu verstellen. Sie lernten zu wenig und jagten zu viel, Sie lebten zu ungebunden Und saßen so gerne beim Kartenspiel Bis tief in die Abendstunden. Und wußten im Stalle besser Bescheid Als unter Schreibern und Knechten Und waren in allen Gefahren bereit, In erster Reihe zu fechten. Und wenn von bolschewistischem Hund Geleitet zum Richtplatz sie gingen, Dann zog es spöttisch um ihren Mund, Bevor sie die Kugel empfingen. Sie lernten zu wenig, sie lebten zu treu Als ihrer Vorfahren Erben, Doch flüsterten selbst ihre Henker scheu: Sie wissen aufrecht zu sterben! Die Hölle gärt. Aus allen Finsternissen Bäumt sich ihr Widerspruch in steiler Wut, Ohnmächtig fordernd, was sich ganz entrissen. Aus Himmeln aber brandet Rosenfeuerglut! Durch dampfendes Gewölk, sich klar enthüllend, Emporgetürmt ins letzte Ätherblau, Mit unfaßbarem Licht die Räume füllend, Wächst eines Münsters Riesenwunderbau! Heerscharen sel'ger Seraphs Stuf' auf Stufen, Verklärten Leib's palmschwingend, -- jedes Ohr Erfüllt ein Preisen, Klingen, Winken, Rufen, -- Es rauscht, es harst, es drängt, es glänzt empor Und jubelt auf in einem Gottfrohlocken! Durch alle Himmel, sternenweltenweit, Schwingen die Glocken -- die Glocken -- die Glocken Der Ewigkeit!
Sterben ist die letzte Dummheit, die wir begehen.
Nicht der Tod, sondern das Sterben beunruhigt mich.
Von allen, die das dunkle Tor durchquert, - Wie seltsam - keiner ist zurückgekehrt, Die Straße uns zu schildern, die er fuhr, Die zu erforschen jeder einstens fährt.
Er starb Wie einer, der sich auf den Tod geübt, Und warf das Liebste, was er hatte, von sich, Als wär's unnützer Tand.
Das Leben ist allen Tieren gemein, aber sterben kann nur der Mensch.
Wenn in euerer letzten Stunde [...] alles im gebrochenen Geiste abblüht und herabstirbt, Dichten, Denken, Streben, Freuen: so grünt endlich nur noch die Nachtblume des Glaubens fort und stärkt mit Duft im letzten Dunkel.
Im kurzen Abend... (Zweite Fassung) Im kurzen Abend - voll Wind ist die Stunde, Und die Röte so tief und winterlich klein. Unsere Hand, die sich zagend gefunden, Bald wird sie frieren, und einsam sein. Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten, Wenige erst, auseinandergerückt. Unsere Pfade sind dunkel, und Weiden breiten Ihre Schatten darauf, in Trauer gebückt. Schilf rauschet uns, und die Irrwische scheinen, Die wir ein dunkeles Schicksal erlost. Behüte dein Herz, dann wird es nicht weinen, Unter dem fallenden Jahr ohne Trost. Was dich schmerzet, ich sag es im Bösen. Und uns quälet ein fremdes Wort. Unsere Hände werden im Dunkel sich lösen, Und mein Herz wird sein, wie ein kahler Ort.
Jeden Tag stirbt ein wenig von uns, doch nie stirbt es ganz, bis wir selbst sterben.
Abendempfindung Abend ist's, die Sonne ist verschwunden, Und der Mond strahlt Silberglanz; So entfliehn des Lebens schönste Stunden, Fliehn vorüber wie im Tanz. Bald entflieht des Lebens bunte Szene, Und der Vorhang rollt herab; Aus ist unser Spiel, des Freundes Träne Fließet schon auf unser Grab. Bald vielleicht (mir weht, wie Westwind leise, Eine stille Ahnung zu), Schließ ich dieses Lebens Pilgerreise, Fliege in das Land der Ruh. Werdet ihr dann an meinem Grabe weinen, Trauernd meine Asche sehn, Dann, o Freunde, will ich euch erscheinen Und will himmelauf euch wehn. Schenk auch du ein Tränchen mir Und pflückte mir ein Veilchen auf mein Grab, Und mit deinem seelenvollen Blicke Sieh dann sanft auf mich herab. Weih mir eine Träne, und ach! schäm dich nur nicht, sie mir zu weihn; Oh, sie wird in meinem Diademe Dann die schönste Perle sein!
Die Stunde, nach der ich verlangte, ist nun gekommen.
Aus! Einmal müssen zwei auseinandergehn; einmal will einer den andern nicht mehr verstehn – – einmal gabelt sich jeder Weg – und jeder geht allein – wer ist daran schuld? Es gibt keine Schuld. Es gibt nur den Ablauf der Zeit. Solche Straßen schneiden sich in der Unendlichkeit. Jedes trägt den andern mit sich herum – etwas bleibt immer zurück. Einmal hat es euch zusammengespült, ihr habt euch erhitzt, seid zusammengeschmolzen, und dann erkühlt – Ihr wart euer Kind. Jede Hälfte sinkt nun herab –: ein neuer Mensch. Jeder geht seinem kleinen Schicksal zu. Leben ist Wandlung. Jedes Ich sucht ein Du. Jeder sucht seine Zukunft. Und geht nun mit stockendem Fuß, vorwärtsgerissen vom Willen, ohne Erklärung und ohne Gruß in ein fernes Land.