Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Wenn alle Bande sich auflösen, wird man zu den häuslichen zurückgewiesen.

Goethe, J. W., Briefe. An den Herzog Carl August, 25. Dezember 1806

Denn zu Zeiten der Not bedarf man seiner Verwandten.

Goethe, Reineke Fuchs, Versepos, 1794. Elfter Gesang

Wenn Familien sich lange erhalten, so kann man bemerken, daß die Natur endlich ein Individuum hervorbringt, das die Eigenschaften seiner sämtlichen Ahnherrn in sich begreift, und alle bisher vereinzelten und angedeuteten Anlagen vereinigt und vollkommen ausspricht. Ebenso geht es mit den Nationen, deren sämtliche Verdienste sich wohl einmal, wenn es glückt, in einem Individuum aussprechen.

Goethe, Anmerkungen zu Diderot: Rameaus Neffe, entstanden 1805. Artikel Voltaire, gemeint ist Voltaire als Typus des Franzosen

Man wird nicht ärmer, wenn man sein Hauswesen zusammen zieht.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 5. Buch, 16. Kapitel

Was verkürzt mir die Zeit? – Tätigkeit! Was macht sie unerträglich lang? – Müßiggang! Was bringt in Schulden? – Harren und Dulden! Was macht gewinnen? – Nicht lange besinnen! Was bringt zu Ehren? – Sich wehren!

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan. Buch der Betrachtungen. Fünf andere (Dinge)

Die Zeit ist selbst ein Element.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 4. Bandes 2. Heft, 1823

Mein Erbteil wie herrlich, weit und breit! Die Zeit ist mein Besitz, mein Acker ist die Zeit.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, 1814 - 1819. Buch der Sprüche

Die Zeit ist unendlich lang und ein jeder Tag ein Gefäß, in das sich sehr viel eingießen läßt, wenn man es wirklich ausfüllen will.

Goethe, J. W., Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1811-1812, 2. Teil, 8. Buch

Alles hat seine Zeit! Ein Spruch, dessen Bedeutung man bei längerem Leben immer mehr anerkennen lernt; diesem nach gibt es eine Zeit zu schweigen, eine andere zu sprechen.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, Noten und Abhandlungen. Einleitung

Die Zeit überschlägt sich wie ein Stein vom Berge herunter, und man weiß nicht, wo sie hinkommt und wo man ist.

Goethe, J. W., Briefe. An Johann Heinrich Meyer, 18. März 1797

Das Jahrhundert ist vorgerückt; jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Natur und Naturwissenschaft

Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen, und haben sie dich nicht jederzeit anders gefunden? Sie aber sind immer dieselbigen und sagen immer dasselbige: 'wir bezeichnen', wiederholen sie, 'durch unsern gesetzmäßigen Gang Tag und Stunde; frage dich auch: Wie verhältst du dich zu Tag und Stunde?'

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 1. Buch, 10. Kap.

In Lebensfluten, im Tatensturm Wall ich auf und ab, Webe hin und her! Geburt und Grab, Ein ewiges Meer, Ein wechselnd Weben, Ein glühend Leben, So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Nacht, Geist zu Faust

Man rühmt das achtzehnte Jahrhundert, daß es sich hauptsächlich mit Analyse abgegeben; dem neunzehnten bliebt nun die Aufgabe, die falschen obwaltenden Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs neue zu analysieren.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus: Wilhelm Meisters Wanderjahren. Betrachtungen im Sinne der Wanderer, 1829. Aus Makariens Archiv

Die Zeit rückt fort und in ihr Gesinnungen, Meinungen, Vorurteile und Liebhabereien.

Goethe, Die Wahlverwandtschaften, 1809. 2. Teil, 8. Kapitel

Benutze redlich deine Zeit! Willst was begreifen, such's nicht weit.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Sprichwörtlich

Es rennt der Mensch, es fliehet Vor ihm das bewegliche Ziel. Er zieht und zerrt vergebens Am Vorhang, der schwer auf des Lebens Geheimnis, auf Tagen und Nächten ruht.

Goethe, Der Zauberflöte zweyter Theil. Librettofragment, 1798. Kap. 1, Wächter zu zweien

Die Zeit entschuldigt, wie sie tröstet. Worte sind in beiden Fällen von wenig Kraft.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 7. Buch, 5. Kapitel

Es kommt alles darauf an, daß man die Zeit wohl braucht und keine Stimmung versäumt.

Goethe, J. W., Briefe. An Friedrich Schiller, 29. November 1795

Der Tag läuft weg wie das Leben, man tut nichts und weiß doch nicht, wo die Zeit hinkommt.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 8. März 1781

Hoffnung gießt in Sturmnacht Morgenröte!

Goethe, Proserpina. Uraufführung als Einlage in das Drama: Der Triumph der Empfindsamkeit in Weimar am 30. Januar 1778. Proserpina zu den Parzen