Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Wer nicht von dreitausend Jahren Sich weiß Rechenschaft zu geben, Bleib im Dunkeln unerfahren, Mag von Tag zu Tage leben.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, 1814 - 1819. Buch des Unmuts. Aus: Und wer franzet oder britet

Jeden Tag hat man Ursache, die Erfahrung aufzuklären und den Geist zu reinigen.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Natur und Naturwissenschaft

Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt, der hat Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 2. Buch, 11. Kap.

Erfahrung kann sich ins Unendliche erweitern, Theorie nicht eben in dem Sinne reinigen und vollkommener werden. Jener steht das Universum nach allen Richtungen offen, diese bleibt innerhalb der Grenze der menschlichen Fähigkeiten eingeschlossen. Deshalb müssen alle Vorstellungsarten wiederkehren, und der wunderliche Fall tritt ein, daß bei erweiterter Erfahrung eine bornierte Theorie wieder Gunst erwerben kann.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 5. Bandes 3. Heft. 1826. Einzelnes

Das Leben lehrt uns, weniger mit uns und andern strenge sein.

Goethe, Iphigenie auf Tauris, 1787. 4. Akt, 4. Szene, Pylades zu Iphigenie

Es gibt keine Erfahrung, die nicht produziert, hervorgebracht, erschaffen wird.

Goethe, J. W., Theoretische Schriften. Der Sammler und die Seinigen, 6. Brief

Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.

Goethe, Die natürliche Tochter, 1803. 4. Akt, 2. Szene, Eugenie zum Gerichtsrat

Die Weisen sagen: beurteile niemand, bis du an seiner Stelle gestanden hast.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 1. Juni 1781

Habt ihr nie bemerkt, daß eine einzige eigne Erfahrung, uns eine Menge fremder benutzen lehrt.

Goethe, Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, 1773. 1. Akt, 2. Szene, Marie zu Adelbert

Man spricht ja immer nur die Erfahrung identisch aus. Was man erfährt, das ist ja eben die Erfahrung und weiter nichts dahinter.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Friedrich Wilhelm Riemer, 1. August 1811

Erfahrung bleibt die beste Wünschelrute.

Goethe, Die ersten Erzeugnisse der Stotternheimer Saline, überreicht zum 30. Januar 1828. Geognosie

Die Erfahrung ist fast immer die Parodie auf die Idee.

Goethe, J. W., Tagebücher. 3. Schweizer Reise, 30. Juli bis Ende November 1797

Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näher kommt man dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen weiß, desto mehr sieht man, daß das Unerforschliche keinen praktischen Nutzen hat.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Natur und Naturwissenschaft

Ersparnis der Erfahrung, Sündflut der Erfahrung, Dinge, wovon man nicht reden würde, wenn man wüßte, wovon die Rede ist. Wie das Unbedingte sich selbst bedingen und so das Bedingte zu seinesgleichen machen kann.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Skizziertes. Zweifelhaftes. Unvollständiges

Was dem einen widerfährt, Widerfährt dem andern; Niemand wäre so gelehrt, Der nicht sollte wandern.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Zahme Xenien 2, 1821

Das unmittelbare Gewahrwerden der Urphänomene versetzt uns in eine Art von Angst: wir fühlen unsere Unzulänglichkeit; nur durch das ewige Spiel der Empirie belebt, erfreuen sie uns.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus den Heften Zur Naturwissenschaft, 2. Bandes 1. Heft, 1823. Älteres, beinahe Veraltetes

Man muß alt werden, um dieses alles [seine Arbeit] zu übersehen, und Geld genug haben, seine Erfahrungen bezahlen zu können.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 13. Februar 1829

Der Jüngling, wenn Natur und Kunst ihn anziehen, glaubt mit einem lebhaften Streben bald in das innerste Heiligtum zu dringen; der Mann bemerkt nach langem Umherwandeln, daß er sich noch immer in den Vorhöfen befinde.

Goethe, J. W., Theoretische Schriften. Einleitung in die Propyläen, 1798. Originale Rechtschreibung

Wen die Dankbarkeit geniert, Der ist übel dran; Denke, wer dich erst geführt, Wer für dich getan!

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. Zahme Xenien, Kap. 7, Widmung

Begegnet uns jemand, der uns Dank schuldig ist, gleich fällt es uns ein. Wie oft können wir jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind, ohne daran zu denken!

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus den Wahlverwandtschaften, 1809, Aus Ottiliens Tagebuche

Dem schönen Tag sei es geschrieben! Oft glänze dir sein heiteres Licht. Uns hörtest du nicht auf zu lieben doch bitten wir: Vergiß uns nicht!

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, An Personen: Der Liebenden, Vergeßlichen zum Geburtstage