Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

»Bleibe, schönes Mädchen!« ruft der Knabe, Rafft von seinem Lager sich geschwind: »Hier ist Ceres', hier ist Bacchus' Gabe; Und du bringst den Amor, liebes Kind! Bist vor Schrecken blaß! Liebe, komm und laß, Laß uns sehn, wie froh die Götter sind!« »Ferne bleib, o Jüngling! bleibe stehen; Ich gehöre nicht den Freuden an. Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen Durch der guten Mutter kranken Wahn, Die genesend schwur: Jugend und Natur Sei dem Himmel künftig untertan. Und der alten Götter bunt Gewimmel Hat sogleich das stille Haus geleert. Unsichtbar wirdeinernur im Himmel Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt; Opfer fallen hier, Weder Lamm noch Stier, Aber Menschenopfer unerhört.« .....

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Balladen. Aus: Die Braut von Korinth, 1797

Keine Religion,… die sich auf Furcht gründet, wird unter uns geachtet.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 2. Buch, 1. Kapitel

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, Hat auch Religion; Wer jene beiden nicht besitzt, Der habe Religion.

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. Zahme Xenien, Kap. 9

Dir, der Unberührbaren, Ist es nicht benommen, Daß die leicht Verführbaren Traulich zu dir kommen. In die Schwachheit hingerafft, Sind sie schwer zu retten. Wer zerreißt aus eigner Kraft Der Gelüste Ketten? Wie entgleitet schnell der Fuß Schiefem, glattem Boden? Wen betört nicht Blick und Gruß, Schmeichelhafter Odem?

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 5. Akt, Bergschluchten, Dr. Marianus

Es gibt nur zwei wahre Religionen, die eine, die das Heilige, das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schönsten Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist Götzendienst.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, 1829. Aus Makariens Archiv

Ich halte mich fest und fester an die Gottesverehrung des Atheisten [Spinoza] und überlasse euch alles, was ihr Religion heißt und heißenmüßt.

Goethe, J. W., Briefe. An Friedrich Heinrich Jacobi, 5. Mai 1786

Nein, ich habe nichts versäumet! Wißt ihr denn, was ich geträumet? Nun will ich zum Danke fliegen, Nur mein Bündel bleibe liegen.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Sprichwörtliches

Eltern und Kindern bleibt nichts übrig, als entweder vor- oder hintereinander zu sterben, und man weiß am Ende nicht, was man vorziehen sollte.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Literatur und Leben

in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verläßt, wandelt er unter den Schatten, und so bleibt uns Achill als ewig strebender Jüngling gegenwärtig.

Goethe, J. W., Theoretische Schriften. Winckelmann. Cotta, Tübingen 1805

Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen An sehn [sic] desselben wohl denken, daß diese starren Äste, diese zackigen Zweige im nächsten Frühjahr wieder grünen, blühen, sodann Früchte tragen könnten, doch wir hoffen's, wir wissen's.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 1. Buch, 12. Kap., Der Alte zu Wilhelm

Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind!

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Vermischte Gedichte. Aus: Gesang der Geister über den Wassern

So klammert sich der Schiffer endlich noch Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.

Goethe, Torquato Tasso, 1807. 5. Akt 5. Szene, Tasso zu Antonio

Beherzigung Ach, was soll der Mensch verlangen? Ist es besser, ruhig bleiben? Klammernd fest sich anzuhangen? Ist es besser, sich zu treiben? Soll er sich ein Häuschen bauen? Soll er unter Zelten leben? Soll er auf die Felsen trauen? Selbst die festen Felsen beben. Eines schickt sich nicht für alle! Sehe jeder, wie er's treibe, Sehe jeder, wo er bleibe, Und wer steht, daß er nicht falle!

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827, Lieder

Wer weiß, wie noch die Würfel fallen? Und hat er Glück, so hat er auch Vasallen.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 4. Akt, Hochgebirg, Mephistopheles zu Faust

Prüft das Geschick dich, weiß es wohl warum: Es wünschte dich enthaltsam! Folge stumm.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, Buch der Sprüche

Es kann wohl sein, daß der Mensch durch öffentliches und häusliches Geschick zuzeiten gräßlich gedroschen wird; allein das rücksichtslose Schicksal, wenn es die reichen Garben trifft, zerknittert nur das Stroh, die Körner aber spüren nichts davon und springen lustig auf der Tenne hin und wider, unbekümmert, ob sie zur Mühle, ob sie zum Saatfeld wandern.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus: Kunst und Altertum, 5. Bandes 3. Heft. 1826, Einzelnes

Auf allen Pfaden des Lebens führen die Horen dich streng, wie es das Schicksal gebeut.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Epigramme. Venedig 1790

Wie seltsam uns ein tiefes Schicksaal leitet Und, ach ich fühls, im Stillen werden wir Zu neuen Szenen vorbereitet.

Goethe, J. W., Briefe. An Johann Kaspar Lavater, 30. August 1776. Originaltext

Gutes und Böses kommt unerwartet dem Menschen.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta. Chor

Alle Menschen, die nebeneinander leben, erfahren ähnliche Schicksale, und was dem Einzelnen begegnet, kann als Symbol für Tausende gelten.

Goethe in seiner Einführung zu dem von J. C. Mämpel hg. "Jungen Feldjäger", 1826

Das Himmlische, Ewige wird in den Körper irdischer Absichten eingesenkt und zu vergänglichen Schicksalen mit fortgerissen.

Goethe, J. W., Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1811, 3. Teil, 14. Buch