Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam.

Goethe, Egmont, 1788. 2. Akt, Egmont zum Sekretär

Scheint mir die Sonne heut, um das zu überlegen, was gestern war? und um zu raten, zu verbinden, was nicht zu erraten, nicht zu verbinden ist, das Schicksal eines kommenden Tages?

Goethe, Egmont, 1788. 2. Akt, Egmont zum Sekretär

Für alle Vögel gibt es Lockspeisen, und jeder Mensch wird auf seine eigene Art geleitet und verleitet.

Goethe, J. W., Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1811, 1. Teil, 5. Buch

Der Augenblick nur entscheidet Über das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke.

Goethe, Hermann und Dorothea. Versepos, 1797. Polyhymnia. Der Weltbürger. Pfarrer zu Vater und Sohn

Memento Kannst dem Schicksal widerstehen, Aber manchmal gibt es Schläge; Will's nicht aus dem Wege gehen, Ei, so geh' du aus dem Wege!

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Epigrammatisch, entst. 1812-1814

Widersacher, Weiber, Schulden, Ach! kein Ritter wird sie los.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Balladen. Aus >Ritter Kurts Brautfahrt<

Das Schicksal [...] ist ein vornehmer, aber teurer Hofmeister.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. Zweites Buch. Neuntes Kapitel

Ich bin der Eimer, den das Schicksal in den Brunnen wirft, um euch herauszuziehen.

Goethe, Lila. Singspiel, 1777. Dritter Aufzug, Lila zu Friedrich

Wie man es wendet und wie man es nimmt, Alles geschieht, was die Götter bestimmt!

Goethe, Des Epimenides Erwachen, Erstdruck 1815. 1. Akt, 3. Szene, Genien zu Epimenides

Wir Menschen führen uns nicht selbst; bösen Geistern ist Macht über uns gelassen, daß sie ihren höllischen Mutwillen an unserm Verderben üben.

Goethe, Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, 1773. 5. Akt, Weislingen mit sich allein

Es glaubt der Mensch, sein Leben zu leiten, sich selbst zu führen; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem Schicksale gezogen.

Goethe, Egmont, 1788. 5. Akt, Egmont zu Ferdinand

Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise, Der Weg ist begonnen, vollende die Reise: Denn Sorgen und Kummer verändern es nicht, Sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.

Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, 1814-1819. Buch der Sprüche

Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge gefaßten Ziel abgelenkt, um ein höheres zu erreichen! Der Reisende bricht unterwegs zu seinem höchsten Verdruß ein Rad und gelangt durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und Verbindungen, die auf sein ganzes Leben Einfluß haben. Das Schicksal gewährt uns unsre Wünsche, aber auf seine Weise.

Goethe, Die Wahlverwandtschaften, 1809. 2. Teil, 10. Kap.

Es ist manchmal, als wenn das, was wir Schicksal nennen, gerade an guten und verständigen Menschen seine Tücken ausübte, da es so viele Narren und Bösewichter ganz bequem hinschlendern läßt. Fromme Leute mögen das auslegen, wie sie wollen, und dadrin eine prüfende Weisheit finden; uns andern kann es nur verdrießlich und ärgerlich sein.

Goethe, J. W., Briefe. An Charlotte von Stein, 16. August 1808

Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet, uns doch nicht verändern mag!

Goethe, J. W., Gedichte. Nachlese. An Charlotte von Stein. Aus: Warum gabst du uns die tiefen Blicke, 1776, Erstdruck 1848

Des Menschen Verdüsterungen und Erleuchtungen machen sein Schicksal!

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 11. März 1828

Denn wer im Wege steht dem Geschick, das dem endlichen Ziele Furchtbar zueilt, stürzt in den Staub, ihn zerstampfen die Rosse.

Goethe, Achilleis, entstanden 1798-99, Erstdruck 1808. Erster Gesang

Was mit mir das Schicksal gewollt? Es wäre verwegen, Das zu fragen; denn meist will es mit vielen nicht viel. Einen Dichter zu bilden, die Absicht wär ihm gelungen, Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt.

Goethe, J. W., Gedichte. Epigramme. Venedig 1790

So hetzt eins das andre; und was man abzuwenden sucht, das macht sich erst recht.

Goethe, Egmont, 1788. Erster Akt. Regentin

Er pflegte gern zu behaupten, daß sowohl bei der Erziehung der Kinder als bei der Leitung der Völker nichts ungeschickter und barbarischer sei als Verbote, als verbietende Gesetze und Anordnungen.

Goethe, Die Wahlverwandtschaften, 1809. 2. Teil, 18. Kap., Mittler zu Ottilie

Als neulich der Schnee lag und meine Nachbarskinder ihre kleinen Schlitten auf der Straße probieren wollten, sogleich war ein Polizeidiener nahe, und ich sah die armen Dingerchen fliehen, so schnell sie konnten. Jetzt, wo die Frühlingssonne sie aus den Häusern lockt und sie mit ihresgleichen vor ihren Türen gern ein Spielchen machten, sehe ich sie immer geniert, als wären sie nicht sicher und als fürchteten sie das Herannahen irgendeines polizeilichen Machthabers. Es darf kein Bube mit der Peitsche knallen, oder singen, oder rufen, sogleich ist die Polizei da, es ihm zu verbieten. Es geht bei uns alles dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm zu machen und alle Natur, alle Originalität und alle Wildheit auszutreiben, sodaß am Ende nichts übrig bleibt als der Philister.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 12. März 1828