Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Ich weiß wohl, daß man dem das Mögliche nicht dankt, von dem man das Unmögliche gefordert hat.

Goethe, J. W., Briefe. An Caroline Herder, 30. Oktober 1795

Leider läßt sich eine wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht ausdrücken, und ebensowenig darf sie an eine unmittelbare Wiedervergeltung denken.

Goethe, J. W., Briefe. An Adelheid Amalia Fürstin von Gallitzin, 6. Februar 1797

Der Vogel ist froh in der Luft gemütet, wenn es da unten im Neste brütet.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Sprichwörtlich

Die Dankbarkeit ist ein Laster, das man ertragen muß!

Goethe, J. W., Gespräche. Mit S. Varnhage von Ense u.a., 1837. In: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837

Fehlt der Gabe gleich das Neue, Sie das Alte nicht veraltet, Wie Verehrung, Lieb’ und Treue Immer frisch im Busen waltet. Sei auch noch so viel bezeichnet, Was man fürchtet, was begehrt, Nur weil es dem Dank sich eignet, Ist das Leben schätzenswert.

Goethe, J. W., Gedichte. Dem Großherzog Carl August zu Neujahr 1828

Ich erfahre das Glück, daß mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen und in Ausübung zu bringen eine Wiederholung des Lebens gar wert wäre. Also wollen wir uns, solange es Tag ist, nicht mit Allotrien beschäftigen.

Goethe, J. W., Briefe. An Carl Friedrich Zelter, 29. April 1830

Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur hervor wie die Blüten aus den grünen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht man Rosen überall blühen.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 3. Buch, 18. Kap. Aus Makariens Archiv

Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten!

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 1. Buch, 10. Kapitel

Vorwärts dringt der Schiffenden Geist, wie Flaggen und Wimpel; einer nur steht rückwärts traurig gewendet am Mast.

Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand.1827. Elegien 2, aus: Alexis und Dora

Ich habe bemerkt, daß ich den Gedanken für wahr halte, der für mich fruchtbar ist, sich an mein übriges Denken anschließt und zugleich mich fördert.

Goethe, J. W., Briefe. An Carl Friedrich Zelter, 31. Dezember 1928

O Gott! beschwichtige die Gedanken, Erleuchte mein bedürftig Herz.

Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 5. Akt, Bergschluchten. Pater Profundus

Die Richtigkeit des Gedankens ist die Hauptsache, denn daraus entwickelt sich allein das Richtige der Behandlung.

Goethe, J. W., Briefe. An Therese von Eißl (Concept), 4. Juni 1828

Zwar ist's mit der Gedankenfabrik Wie mit einem Weber-Meisterstück, Wo ein Tritt tausend Fäden regt, Die Schifflein herüber hinüber schießen, Die Fäden ungesehen fließen, Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.

Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Studierzimmer, Mephistopheles zum Schüler

Jede Produktivität höchster Art, jedes bedeutende Aperçu, jede Erfindung, jeder große Gedanke, der Früchte bringt und Folge hat, steht in niemandes Gewalt und ist über aller irdischen Macht erhaben.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 11. März 1828

Man müsse, fügte er [Goethe] hinzu, stets auf einem großen Stück Papier beginnen, der kleine Raum beenge auch die Gedanken.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit de l'Aspées Schülerinnen, 14. Juni 1805

Religion: Alte; Poesie: Religion der Jugend.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Skizziertes. Zweifelhaftes. Unvollständiges

Die natürliche Religion ruht auf der Überzeugung einer allgemeinen Vorsehung, welche die Weltordnung im ganzen leite.

Goethe, J. W., Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1. Teil, 4. Buch

Zuversicht und Ergebung sind die echten Grundlagen jeder bessern Religion, und die Unterordnung unter einen höheren, die Ereignisse ordnenden Willen, den wir nicht begreifen, eben weil er höher als unsere Vernunft und unser Verstand ist.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Friedrich von Müller, 28. März 1819

Die christliche Religion ist eine intentionierte politische Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Literatur und Leben

Das unheilbare Übel dieser religiösen Streitigkeiten besteht darin, daß der eine Teil auf Märchen und leere Worte das höchste Interesse der Menschheit zurückführen will, der andere es aber da zu begründen denkt, wo sich niemand beruhigt.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Skizziertes. Zweifelhaftes. Unvollständiges

Die christliche Religion ist ein mächtiges Wesen für sich, woran die gesunkene und leidende Menschheit von Zeit zu Zeit sich immer wieder emporgearbeitet hat; und indem man ihr diese Wirkung zugesteht, ist sie über aller Philosophie erhaben und bedarf von ihr keiner Stütze.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 4. Februar 1829